Thursday, December 31, 2009

Jahresrückblick 09

Da ist es. Das Ende. Das Ende der Zeit. Das Ende einer Zeit. Ein weiterer der zahllosen beliebigen Punkte an denen die Realität aufhört und neu erfunden werden kann. Oder soll? Ein aus mancherlei Blickwinkel recht beliebiger Punkt des Innehaltens, Zurückschauens, Bilanzziehens, Nachvorneschauens ... und dann beginnt der Kreis von vorn. Soll, muss ein Rückblick sein? Und wenn ja dann warum heute? Weil wir ihn selten gehen, den Schritt des Besinnens, den Schritt herunter vom Weg, vielleicht auf einem Hügel der den letzten Wegabschnitt überblickt und am besten auch ein Stück des nächsten. Runter vom Weg, Innehalten. Ja, ich brauche den Kalendertag dazu. Manchmal. Manchmal nicht, aber er ist schon ganz gut. Ein Grund. Also, herunter vom Weg, zunächst ein Blick zurück.


Wer mich kennt, weiß, mit welch unglaublich unzuverlässigen Gedächtnis ich ausgestattet bin und so kann ich aus dem Kopf nicht sagen, wie das Jahr begann. Außer, dass wir Silvester bei Susi und Julien in Potsdam verbracht haben und dass dies sehr schön war. Und der Januar? Dem Kalender kann ich für den Beginn des Jahres nicht viel entnehmen. Das Fotoalbum erzählt mir, dass es der kälteste Winter war, den ich seit langem erlebt habe. Den gesamten Januar lag in Leipzig Schnee und die Temperaturen haben gern mal über Tage hinweg zwischen 15 und 20 Grad Minus gelegen, was schon beeindruckend war. Ich habe also Fotos von Winterspaziergängen und herrlichen Ausflügen durch Sonne und Eis in Leipzig und im Vogtland, das sich übrigens im ganzen Jahr 2009 unterschiedlich - mal gut mal schlecht - in den Vordergrund meines Lebens gedrängt hat. Aber zunächst bestand wohl der Januar und ein Großteil des Februar eher aus Rückzug. In der Mitte dieses Tales stand der Bruch mit meinem Vater, der unter der Bezeichnung Dackeleklat in die Geschichte eingehen soll und ein langes, schmerzhaftes Jahr der Abnabelung von einem meiner ersten und wichtigsten Identitätsbezüge einleitete. Dieser Prozess ist einer der Gründe für die Negativbilanz des Jahres. Irgendwann erreicht wohl jede Beziehung den Punkt, an dem man sich einfach nichts mehr zu sagen hat. Traurig.


Im Februar wurde wenigstens das Fernweh - oh ewiger Schmerz in meiner Seele, der mich stetig und immer zieht und zieht, verlass mich nicht - ein klein wenig erhört, Tauchurlaub in Marsa Shagra bringt mich zurück in Wüste und Meer, bringt neue Freundschaften und das Wiederaufflammen von verloschen geglaubten, bringt ein wenig Frieden ins Herz. Leider bringt er mir auf den letzten Meter auch einen Infekt, der mich fast zwei Wochen streckt. Da verwundert es nicht dass in einem dreimonatigen Fehlstart ein Woche Tauchurlaub zwar ein Licht der Hoffnung, aber eben kein Homing Beacon sein kann. Trotzdem hab ich mich danach aufgemacht, das Leben anzupacken, mich in Arbeit gestürzt, Ausflüge unternommen, mein Verhältnis zu meinem Patenkind verbessert - wie wichtig einem doch die Freundschaft, ja Zuneigung, eines so kleinen Menschen wird. Marlene ist dieses Jahr 4 geworden. Unfassbar. Und so ein interessanter Mensch. Dieser Angriff aufs Leben führte dazu, dass ich seit diesem Jahr recht regelmäßig schwimmen gehe und dadurch einige Fitnesseffekte habe, ach na und das größte Wunder: Seit Mitte Januar rauche ich nicht mehr. Jetzt, da ich fast ein Jahr standhaft bin, kann ich's ja auch an die große Glocke hängen. Ich mogele zwar noch (Shisha sein Dank), aber es ist wunderbarer Weise unter Kontrolle. Ja, in dieser Hinsicht war 09 ein gutes Jahr. Ein Höhepunkt ganz anderer Natur war der krasseste Suff meines Lebens. Ich war zwar schon oft betrunken, aber so wenig erinnert habe ich noch nie: Zeromancer-Konzert 04.04.09 in Leipzig. Konzert war superklasse, das weiß ich noch, über mein Autogramm vom Songschreiber hab ich mich aufgeregt (mit einem X kann ich mir mein Ticket selber unterschreiben!) auch daran erinnere ich mich, und mit vielen Gesprächen und starker Konzentration habe ich den groben Ablauf des Abends rekonstruiert bekommen, aber mannomann, alle Übergänge sind verschwunden, und zunächst waren vielleicht noch 25% des Abends da! Danach habe ich eine ganze Weile lang die Finger vom Alkohol gelassen. Aber toll war’s doch :-)


Nun ja, der Frühling war ganz aufregend, mit dem Versuch, Energie aus sich selbst zu erfinden. Arbeit macht’s möglich. Und im Mai bekam ich Besuch! James hatte Urlaub von seiner Ferne gebraucht, und hat seine Familie und ein paar Freunde besucht und seine Zeit in Europa für einen Abstecher nach Leipzig genutzt. Ich zeige Leipzig gerne rum, auch wenn ich nicht mehr mit vollem Herzen hier bin. Danach ging’s nahtlos zu meiner ersten Konferenz nach Genf, wo ich auf der CIUTI Generalversammlung Erfahrungen gesammelt habe, in 2010 muss ich eine in Leipzig organisieren. Das war ein Geschnösel! (Die CIUTI ist eine internationale Vertretung von Instituten, die Übersetzer und Konferenzdolmetscher ausbilden, und auf der GV versammeln sich die Damen und Herren Institutsleiter zu Austausch, Diskussion und Politik. Herrlich anzusehen.)
Genf ist wunderbar, der Frühling war herrlich, ich habe mehr als eine Woche (Pfingsten) dort verbracht und es war wirklich angenehm, einerseits Hostel und Weltreisende, andererseits Professoren und Institutsleiter, oh zugleich in zwei Welten zu wandeln ist schon aufregend, auch wenn es beständige Zerrissenheit bedeutet. Danach wieder im CERN, wieder nicht am LHC, wird noch repariert. Aber zu einer Ausstellung über die Physik hinter Angels&Demons, dem neuen Dan Brown, den ich - obwohl ich gar nichts mit Brown zu tun habe, aus Zufall doch grad im Kino gesehen hatte (ihr wisst schon, einer dieser "ich hab nix zu tun, was macht ihr, ach ins Kino, ach ich komm mit"-Filme). Gar nicht schlecht. Natürlich viel Blödsinn dabei, aber die Ausstellung mit den Tatsachen über Antimaterie war schon klasse. Danach noch eine wunderbare Zeit in der CERN-Ausstellung, mit einem der alt gewordenen Urforscher, ach Physiker, meine Freunde. Die Welt ist so groß so bunt so vielschichtig und stets nur kann man einen winzig kleinen Teil erfassen ich freue mich dass ich immer wieder die Chance bekomme, einen kleinen Blick hineinzuwerfen, in die eine oder in die andere der Milliarden ach Fantastilliarden von Schichten aus denen "die Realität" besteht.


Ja der Juni. Sommer, Arbeit, Gedanken, Aufwärts. Im Juni hab ich richtig fleißig gearbeitet und meine NZ-Exkursion vorbereitet. Ja, NZ hatte mich wieder, denn ich wurde auf die jährliche NZSTI-Konferenz eingeladen, da ich ja 2008 diesen Vertreter der größten neuseeländischen Übersetzungsagentur kennengelernt hatte. Das war eine Aufregung. Ich sollte über die Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern berichten. Und so flog ich denn am 09.07. nach Wellington, mit einem unfertigen Vortrag im Gepäck, ganz wie die großen. Dank Etihad Airlines hatte ich aber die ganze Nacht Strom und so habe ich also auf dem Flug alles fertiggemacht. Bin dann einen Tag durch ein nasskaltgraues Welly getigert und habe am nächsten Tag meinen Vortrag gehalten - und zwei Tage lang die neuseeländische Branche inspiziert, in der alles viel lockerer und entspannter zugeht als zu Hause, Markt und Beruf sind vollkommen verschieden hier. Und während ich mich in Genf underdressed gefühlt habe, weil ich zwei Tage lang den gleichen Hosenanzug getragen habe, während die anderen sogar noch einmal zwischen Tagessitzung und Abendprogramm die Garderobe gewechselt haben, hielt in NZ einer der vortragenden Maori seinen Vortrag in seiner (sicherlich seiner besten) Jogginghose. Viel mehr down to earth alles dort. Entsprechend habe ich meinen Vortrag on the fly angepasst, was mich vollkommen nervös gemacht hat und ich verdanke den "Trotz-Allem"-Erfolg sicherlich dem Welpenschutz und der Exotenneugier. Nach der Konferenz, auf der ich zahlreiche interessante und spannende Kontakte geknüpft und hoffentlich die Uni Leipzig gut ins Gespräch gebracht habe, musste ich erstmal dringend das Hostel wechseln, weil in meinem Zimmer nur idiotische saufende Kinder waren, wie konnte ich mich nur für dieses dämliche Hostel entscheiden, naja, weil mein Gedächtnis einfach nicht funktioniert. Und dann war ich also wieder in NZ, reichliche drei Wochen nur und mit dem Arbeitsprogramm, alles Rauskriegbare über die Branche zu erfahren. Natürlich ließ sich auch James, der noch immer unten ist, es sich nicht nehmen, mich zu treffen und mich auf meiner Rundreise zu begleiten. Und so besuchte ich Firmen, Freiberufler, Dozenten und Unis und bekam viel mit über die Unterschiede zwischen Europa und Neuseeland. Durch diese viel mehr ins echte Leben eingebundene Reise ist mir noch viel mehr klar geworden über die Kultur, über die Unterschiede und die Gründe dafür und ich fühle mich langfristig tief verbunden und zugleich von allen rosigen Brillen befreit. Für die ganzen Besuche habe ich mir leider nur die Nordinsel vornehmen können, aber ich habe mir auch ein wenig Zeit genommen, von Ort zu Ort zu kommen. So ging’s nach noch ein paar Tagen Victoria University Wellington mit dem Zug nach Plimmerton ans Meer. Zwei Tage Wintermeer-Spaziergänge und Kaminfeuer. Danach nach Taranaki ins Missing Leg Hostel, das sehr sehr empfehlenswert außerhalb der Orte an der Flanke des Bergs liegt. Alt, rustikal, ein großer Gemeinschaftsraum mit Holzfeuer, und keiner da. Traumhaft. Hier war es schon wärmer und feuchter, mehr wie Märzwetter als wie Winter, und ich machte mich auf, Taranaki zu besteigen. Suchte mir eine kleine Flankenroute, packte mich warm und dick ein, und auf ging’s. Ich wollte über die Schneegrenze, also durch den Regenwald nach oben. Die Schneegrenze war bald erreicht und bald überschritten und bald erfuhr ich was das hieß. Und so erlebte ich meinen ersten Whiteout und meine erste Tour, bei der ich Eishaken an den Füßen gebraucht hätte. Naja, hatte keine, und was soll man machen. War nicht ganz ungefährlich aber eine fantastische Erfahrung, Natur, Stimmen im Wind, nur ich ... Schritt für Schritt voran, irgendwann hört das Schneetreiben auf und man sieht die Hütte. Kurz unterstellen, einen Bissen essen und Abstieg. Der Himmel reißt auf, und wo man eben noch hätte sterben können, scheint die Sonne, glitzert auf dem Meer in der Ferne, unglaubliches Gefühl in meiner Brust. Dies Abenteuer hat mich insgesamt, inkl. Zurück-zum-Hostel trampen mit einer sehr netten Familie, nur fünf Stunden gedauert. Aber wie das Leben in meinen Adern schäumt. Taranaki ist einer der gefährlichsten Berge Neuseelands, denn hier besteht kein Wetter für länger als eine halbe Stunde und meistens wechselt es zwischen schlecht und schlimmer. Die Leute sagen "Wenn du den Berg sehen kannst, wird es bald regnen. Wenn du den Berg nicht sehen kannst, regnet es schon". Ja Taranaki. Alle erfahrenen Bergsteiger werden über mich und meinen Leichtsinn schimpfen. Aber wie wird man denn zum Bergsteiger? Weil einen ein Berg lockt, auch wenn es gefährlich wird. Und ich kann mir einfach nicht für jede meiner Launen Hightech-Ausrüstung kaufen, oder? Taranaki ... Naja, danach musste ich weiter, nach einem kurzen Abstecher nach New Plymouth ging’s per Anhalter nach Hamilton, standen nie lange, hatten immer spannende Fahrer und herrliche Landschaften, auch wenn das Landesinnere nicht immer nur spektakulär ist, war es toll. Ach Neuseeland, ach die Sehnsucht. Naja, in Hamilton hab ich mit ausgiebig mit der Ausbildung der Maori-Dolmetscher/Übersetzer beschäftigt, dass war äußerst interessant, denn die gesamte Sprachpolitik ist ein ganz abgefahrenes Thema. Wie versucht man, eine beinahe aussterbende Sprache am Leben zu erhalten. Und welche Einstellungen die Sprecher haben. Misstrauisch hüten sie ihren Schatz, die Tatsache, dass die neu an den Schulen vermittelten Stoffe - für die es im alten Maori natürlich nie Repräsentationen gegeben hat - mit Hilfe von neuen Maori-Wörtern vermittelt werden, sehen sie als neue Anglisierung, als neuen Akt des Kulturimperialismus. Alles was für andere Sprachen gilt (Fremdwörter, Weiterentwicklung), ist für das Maori ein Affront. Breit könnte man zu diesem Thema schreiben, vielleicht lässt sich ja Rebecka darauf ein, sie hatte ja schon ihre Diplomarbeit über die Total-Immersion-Maori-Schulen geschrieben und vielleicht wird sie irgendwann dazu mal weiterarbeiten. Spannendes Thema, wirklich, aber wie so oft verliere ich mich den tausenden spannenden Themen und komme nicht zu meinem eigenen Text. Rebecka war jedenfalls die nächste auf meiner Liste, von Hamilton ging’s per Bus nach Tauranga am Fuß des Mt. Maunganui, das ich bei meinem letzten Aufenthalt nur von oben aus gesehen hatte. Nun hatte ich ein paar Tage Ruhe, um mir das Leben einer Freiberuflerin anzuschauen, viele spannende Gespräche zu führen und auch ein bisschen auszuspannen, ich sag nur Fernland Spa (oh hotpools...). Wir kauften uns den Aufenthalt bei Becka, ihrem Mann Karsten und ihrer zweijährigen Tochter Pauline durch Kochen und Babysitten und es war ein richtig schöner Ausflug in ein normales Leben. Karsten ist Energieberater, der den Leuten in NZ erzählt, dass sie sich über ihre Heizkosten nicht wundern brauchen, wenn ihre Häuser aus Holz sind, keine Fenster abgedichtet sind und sie komplett auf Dämmung verzichten. Ein schöner Beruf. Aber meine Zeit wurde knapp, ich musste nach Auckland, und so ging’s per Anhalter weiter, und was wir da für Fahrten hatten! Die krasseste war die zweite mit einem sehr netten jungen Paar (Nick und ???), die uns mit den Worten "springt rein, hier stehen wir auch immer" mitnahmen und gerade auf dem Weg zur Beerdigung von Nicks Vaters waren. In einem Pappkarton auf seinem Schoß: Die Asche des Vaters. Auch toll war Chad, ein Hausbauer und Fischer, der gar nicht genug von kriegen konnte und uns grad nach Auckland reingefahren hat, obwohl er auf dem Weg zum Boot seines Bruders war, und uns fast dazu auch noch mit eingeladen hat. Aber es musste ja geschafft werden. Zunächst bezogen wir erst mal - auf James' Empfehlung hin - unser Hostel Lantana Lodge, das in der gleichen Straße und 10 m entfernt liegt von meinem ersten Aufenthaltsort in Neuseeland! Hier hatte ich damals begonnen (wenn man den Flughafen außer Acht lässt, wo das Beginnen ja eigentlich beginnt. Oder beginnt es nicht ganz wo anders ...) Am nächsten Tag hatte an der Uni keiner Zeit (oder war Sonntag?) also Ausflug auf die Insel Devonport, klassisches Seebad zur Sonntagserholung der Städter! Traumhaft. Inzwischen ist es ja recht frühlingshaft warm und sonnig, außer dem Novemberwetter in Wellington und dem CrazyTaranaki-Wetter war es eigentlich immer mild und sonnig auf der ganzen Reise und hat immer nur kurz mal geschauert, na jedenfalls hatte ich einen klassisch-bürgerlichen Promenadenspaziergang mit Shopping und Einkehren (Muscheln! Kaffee!) ... I’m getting carried away on the wings of memories ... Dann stand also noch der Besuch in der Uni von Auckland an, dem einzigen eigentliche ÜS-Institut in NZ, geleitet von Prof. Austermühl, wir hatten ein tolles Gespräch und ich habe meinem Bild vom Übersetzermarkt in Neuseeland ein weiteres Puzzleteil hinzugefügt, Kontakte geknüpft und könnte eigentlich ab März dort unterrichten, für 6 Wochen. Aber ich habe mich nicht gekümmert und wollte wohl nicht, sonst wär ich schon aufgeregt. Ich denke ich will erst mal meine Diss schreiben. Aber dazu später noch. Zunächst noch die letzten Tage, die dann aber wirklich fast nur noch Urlaub waren. Nach zwei abschließenden Interviews mit einer Freiberuflerin und einer halbangestellten Übersetzerin hieß es Van mieten (für die komische Kombi an Zeit und Orten war der Wicked, den wir aus Gründen der Verachtung eigentlich nehmen wollten, nicht das billigste Angebot und so nahmen wir einen Juicy Crib, einen Minivan), und fahren damit ins Nordland, zuerst nach Baylys Beach, zum Observatorium. Aber der Himmel war bedeckt, die Astronomin wollte ihre Ruhe und so konnte ich nicht das Büchlein über die Maori-Sternbilder kaufen, das ich beim letzten Mal nicht mitgenommen habe, worüber ich mich natürlich geärgert hatte damals. Naja, also Van auf den Strand, die Erinnerung an das Flutproblem auf diesem Strand macht uns leicht nervös, aber wir stehen gut. Auf den Dünen, wo ich damals mit TinyB gewohnt habe, ist jetzt Dünenreparatur angesagt, und man darf dort nicht mehr langlaufen. Trotzdem schön, auf meinen eigenen Spuren zu wandeln. Am Tag ist es sogar warm genug für Pilates am Strand in der Sonne, und die Tasman Sea ist genau wie letztes Mal, groß in ruhigen, langen Zügen atmet sie die Wellen an den Strand, ruhig, voller Kraft, die sich hinter dem ruhigen, gleichmäßigen Dröhnen deutlich ahnen lässt. Erkunden das Nordland über Waldwege und Feldstraßen, kommen gegen Nachmittag zu den Hotpools, den gleichen wie damals, von Paihia aus, und sie sind noch immer die besten, besten Hotpools, die ich kenne, natürlich, basic, Holz, Schlamm, Wärme. Der Regen stört nicht. Wir dürfen dort sogar campieren, spielen mit den Hunden Bobby (Scruffy) und Benny (Fatty), kochen Süßkartoffeln und Spinat, wundervoll. Hotpools unterm Sternenhimmel. Am nächsten Tag zurück über Paihia, das im "Winter" wesentlich leerer ist, unser Eisladen hat zu, Pickled Parrot war komplett leer - aber sie haben jetzt einen Papagai, eine arme flügelgestutzte Sau. Papageien muss man anders an ein Haus binden, durch Partnerschaft, nicht durch gestutzte Flügel! Traurig. Komisch im Pickled Parrot Tee zu trinken. Danach weiter auf meinen Spuren, mit der Fähre nach Russel, Strandspaziergang, Sonnenuntergang, durch die Wälder zurück nach Süden, Helens Bay (ich kann mich nicht erinnern, dass das damals so elend weit war. Wenn man ein Ziel hat fährt es sich anders, als wenn man fährt bis man was findet, wo man anhalten will. Helens Bay Beach Day mit soviel Strandspaziergang, das es für den Rest des Jahres reichen muss (aus jetziger Perspektive muss ich sagen, es hat nicht gereicht). Aber Schwimmen war ich. Naja, gelogen, kurz reingerannt, gequiekt untergetaucht und dann gegen Wellen und Strömung ankämpfend wieder raus. Aber drin war ich. Im Pazifik. Am letzten Tag des Juli 09. Naja, es muss noch was neues her auf dem Northland, also fahren wir ein bisschen ins Landesinnere auf dem Weg Richtung Tasman Sea, aber unser Ziel würden wir nicht mehr erreichen, also schlafen wir auf einem Feldweg zwischen Kuhweiden. Am nächsten Tag weiter, ein bisschen Wandern (Mt. Auckland Walkway) bis uns ein schwerer Regensturm zur Weiterfahrt zwingt, dann auf direktem Weg nach Piha, Surferdorf und wunderschöner (leerer, verregneter) Winterstrand. Meine letzte Nacht. Packen und Vorbereiten und erste Panik, kaum noch Benzin im Tank! Und die nächste Tankstelle 20km (nach Kiwi-Info, es sind 40), und der Flug am Vormittag. Alles wird sich finden. Chillen, ein letztes tiefes Durchatmen am Strand. Am nächsten Morgen um 6 gehts los, ich rase durch das Land auf der Suche nach Benzin, dann auf der Suche nach dem direkten Weg zum AKL Flughafen. Verkehrsleitsystem ist nicht so wie ich es bräuchte, es führt einen nördlich am Flughafen vorbei in die Stadt und in großem Bogen über 4 Stadtautobahnen inkl. runter von der Autobahn, quer durch ein Viertel, und wieder drauf, durch die größte Stadt des Landes drüben wieder raus zum Flughafen, und die Zeit tickt. Was hab ich geflucht. Bis wir dann die Abgabestelle des blöden Mietautos gefunden hatten! Zum Glück ging am Checkin alles gut und dann bin ich grad rechtzeitig um bequem einzuchecken doch noch dagewesen. Kein Atem für einen schweren Abschied von Neuseeland. Der kam erst im Verlauf des Fluges. Aber anders war’s diesmal, mehr berufstätig, weniger emotional. Aber eine gute Idee, die ich öfter haben sollte. Immerhin kenne ich jetzt wirklich viele Leute da. Doch noch auswandern?


Die Rückkehr hatte nicht genug Zeit, um wirklich schwierig zu werden, denn danach kamen vier Wochen Arbeit, vor allem die erste Runde BA-Arbeiten am Institut. Das war sehr aufschlussreich, aber auch anstrengend, denn viele Arbeiten hatten noch einiges Potenzial nach oben. Die meisten Menschen vergessen einfach immer in die verschiedenen Richtungen zu denken und alle nötigen Fragen zu stellen. Stattdessen haken sie sich an einem Gedanken fest und merken gar nicht, wie eindimensional sie bleiben. Ansonsten war noch große Hempel Familiengeburtstagsfeier in Potsdam mit viel Spaß und sonderbaren und spannenden Menschen, Familie im richtig weiten Sinne eben. Sonst habe ich meine wenige Freizeit im August den Sommer genossen, mit Hängematte oder am Cospudener Strand. Eines der Highlights im Sommer war die Cospuden-Durchschwimmung, als diesjährige "Susanns Sommeraktion". In der Breite hat die Cospude 1500 m, das entspricht meiner morgendlichen 45-Minuten-Schwimmbad-Strecke, nur ist eben See anders als Schwimmbad, also habe ich nach interessierten Mitschwimmern und für die Rückstrecke Bootsfahrer gesucht. Montys Vogtländergang, Jerome, Sina, Markus und Biene sind dem Ruf gefolgt und so hatten wir also zwei Tretboote und fünf Schwimmer und stellten fest, 1500 Meter schafft man locker, auch bei Wellengang. Monty und ich sind auch die Rückstrecke noch geschwommen. Aber in der Mitte wurde mir zu kalt, und für die Längsdurchschwimmung werden wir wohl Anzüge brauchen...


Also, August und September, Arbeit und schwimmen und See und Sommer, sehr angenehm. Im Oktober war ich dann auch endlich wieder mal im Vogtland, um wieder ein wenig mit meiner Familie anzuknüpfen. Und dann kam mit dem Oktober der Herbst und das Ende des Jahres, das nicht so positiv war, nur Arbeit und Stress und keine Erfolgserlebnisse, nichts was effizient voran ging - ohne, dass ich etwas daran hätte ändern können - das Wetter war komisch, und die Lebenskraft ging zur Neige, ja, alles wurde irgendwie düster. Kurzausflüge, nach Quedlinburg zum Patenkind und nach Berlin, sowie meine wenigen Konzerte haben mich aufrechterhalten - neben Morrissey im Sommer, gab’s im Herbst Muse und Placebo, Muse geil aber zu sehr durchdesignt und mit einem derartig bescheuerten Abgang, dass man echt gemerkt hat, dass es sie nicht interessiert, wo sie sind oder wer ihnen zuschaut, "tschüss und weg, licht an, cd an, haut ab ihr Penner"...Placebo richtig geil, nach den letzten eher müden Touren war es herrlich zu sehen, wie der neue Schlagzeuger der Band ihr Feuer zurückgegeben hat :-) Ja, Placebo war schon toll. Naja, ich hab dann beschlossen, mich doch wieder aufzuraffen, habe den mittwöchlichen Salonabend mit flexibler Gestaltung einberufen, was mir zwischen Kochen, Spielen, Abhängen, Backen und Quatschen einen neuen wichtigen Anhaltspunkt in der Leipziger Realität ermöglicht hat. Denn wenn ich schon nicht sicher bin, ob ich hier sein will, ob ich dieses Leben hier will, ob ich nicht etwas ganz anderes suche. Nein, ich habe keine Fortschritte in der Diss gemacht. Ich bin kein bisschen weitergekommen, auch wenn ich viele Ideen habe, und viele Gedanken. Aber bevor mir klar wurde, was das Problem am Jahr 2009 war, verbrachte ich zunächst noch eine gemütliche Adventszeit mit Plätzchen, Glühwein und Bach. Meinen Geburtstag verbrachte ich in der Sauna im Rahmen eines kurzen Spa-Wochenendes mit Sabrina in Bad Düben. Dort gab es auch meinen ersten Schnee für dieses Jahr. Das war wunderbar. Danach noch ein halbwegs ruhiges Weihnachten mit Jerome in Leipzig und in Auerbach verbracht, und meine erste Weihnachtsgans (die eine Pute war) gekocht, mit grünen Klößen, selbstgemachtem Rotkraut und das war fein, mit Christel und Marko und Katy und Anhang. Das war sehr schön. Danach noch ein paar Tage chillen in Leipzig mit Zeit für Besinnung, Rückblick und Vorausschau, und dann, zu Silvester hat mein Schatz unseren Party bei den Schwägern-Plan gekippt und mich ins Vogtland einbestellt, wo wir meiner SchwieMu auf ihrer letzten Nachtschicht mit einem Glas Sekt beigestanden haben. Ruhig. Aber auch nicht schlecht.




Ja so war 2009, mit vielen vielen wunderbaren Einzelmomenten, jedoch in der Gesamtschau irgendwie nicht so wunderbar. Denn es war ein Jahr des Stillstehens, keine nennenswerten Dissertationsfortschritte heißt keinen Schritt weiter auf diesem Weg voran. Aber auch kein Weggehen, keine Schritte in irgendeine andere Richtung. Also ja, viele der hier beschriebenen Momente waren für mich sehr schön und wichtig und sehr tief. Und alles in allem war es ein gutes Jahr. Aber es gibt eben mehr als eine Wahrheit. Und so war es auch kein gutes Jahr. Denn es bleiben zu viele Bewegungen aus, zu viele Fragen offen. Das muss sich ändern. 2010 wird mein Jahr - in meiner Jugend war 2010 ein Jahr, in dem Science Fiktion stattfand, wir rechneten mit Hovercrafts und Raumfahrt. Na denn, soweit sind wir wohl nicht. Und doch wird es ein Jahr der Zukunft sein. Mein Jahr der Zukunft.







Leseliste:
Buddenbrooks, Eschbach, Pratchett. Ja, ich habe nicht viel gelesen, denn wo ich nicht für meine Diss gelesen habe, wollte ich nicht für etwas anderes lesen. Gleiches gilt fürs Schreiben. Warum kein Blogeintrag, warum kaum längere E-Mails, warum kaum Tagebuch, warum keine Geschichten? Wenn ich nicht für die Diss schreibe, schreibe ich auch nicht fürs Privatvergnügen.



Nachträge
falls welche kommen sollten