Saturday, September 24, 2016

Hobo goes to the UK and Ireland – Auf der grünen Insel - Südhalb

Das Fotoalbum ist wieder online. Go check it out.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der zweite Teil unserer Irlandtour hat uns wieder mit dem Land versöhnt. Ab Dingle war nicht nur die Landschaft geil und die Leute freundlich(er) und offen(er) (als zuvor), sondern es gab öffentliche Toiletten und Mülleimer. Und man wurde nicht rund um die Uhr beäugt, ob man den Locals wohl was böses will. Doch um dahin zu kommen, mussten wir erst einmal noch einige weniger freundliche Erfahrungen machen:

Nach unseren unspektakulären Mitte Irlands haben wir mal wieder Campingplatzbedarf. Unser Wasser ist alle und unser Klo voll. Außerdem: Duschen (duschen!!!) …

Wir suchen uns den Campingplatz in Cong aus. Cong ist eine abgefahrene alte Klosterstadt auf einer Insel in einem Fluss der zwischen zwei Seen durchführt. Und außerdem die Schleuse nach Connemara, was wir eventuell auch noch bereisen wollen, aber erst mal schauen. Wir finden den Campingplatz und die wollen trotz September 25 Euro pro Nacht. Duschen und Strom kosten extra. Als wir fragen, wofür wir da 25 Euro bezahlen, heißt es, na den Stellplatz und es gibt ja WLAN. Und immerhin müssten wir ja nicht mal für das Kind bezahlen. Mmh. Parken für 25 Euro pro Tag ist schon ein geiles Konzept. Landbesitz müsste man haben. Da ich den ganzen Tag Kopfschmerzen habe, gönnen wir uns den Luxus und ich mache erst mal Mittagsschlaf. Danach heißt es Klarschiff für Hobo. Zum Glück machen wir das in dieser Reihenfolge und so finden wir – bevor wir unseren Frischwasserkanister am Hahn auffüllen – im Klo ein Hinweisschild, dass das Wasser auf dem Campingplatz nicht gefahrlos getrunken werden kann, sondern im gesamten County Mayo eine Bakterienverseuchung vorliegt. Ich raste fast aus, denn der Wasserzugang war das einzige, was inklusive war und man muss einer Familie mit schwangerer Frau und Kleinkind hier offenbar nicht bescheid sagen, dass das Wasser nicht ungekocht getrunken werden kann?! Wir wollen unser Geld zurück und abreisen. Und als ob das der Frechheit noch nicht genug gewesen wäre, wollen sie von den 25 Euro drei einbehalten, immerhin haben wir ja jetzt zwei Stunden hier geparkt. Ich werde heute noch wütend, wenn ich das schreibe. Mein Göttergatte bleibt ganz ruhig und führt die Verhandlungen zu einem befriedigenden Abschluss.

Wir besorgen uns zwei Wasserflaschen und suchen einen kostenlosen Übernachtungsspot. Und haben, nach all der Aufregung, jetzt so richtig Glück: Ein Brownsign führt uns zu einer Klosterruine Ross Errilly Friary (wer es auf Gälisch will: Malnistir Ros Oirialaigh), einem Franziskanerkloster aus dem 14. Jahrhundert. Wir sind ab vom Schuss, haben einen Stellplatz und in der Ruine spukt und pfeift der Wind. Die Racker haben riesig Spaß, dort zu erkunden und wir ein Ankommengefühl.

Da wir von Cong ein wenig Infomaterial haben, das uns auf Steinkreise, Temples und Gods hinweist, fahren wir trotz unserer Wut auf die Congolesen doch noch mal zur Besichtigung hin, damit wir wenigstens nicht umsonst in dieser Region gelandet sind. Connemara jedoch schreiben wir ab, da das von der Wasserproblematik auch betroffen ist und wir ja immer noch einen leeren Tank haben. Wir spazieren im Wald am Ufer des Lake Corrib, machen eine Rundfahrt durch Cong – tatsächlich malerisch und die ERSTE ÖFFENTLICHE TOILETTE seit siehe vorherige Posts. Von den drei Steinkreisen finden wir einen, zu dem es zwar einen Weg aber keine Parkmöglichkeit gibt und der eingezäunt ist, man könnte ja was kaputt machen. Auch die Sehenswürdigkeiten von Neale (Temple and Gods) verpassen wir leider, da sie nur zu Fuß erreichbar sind, und der Kleine gerade in den Mittagsschlaf übergegangen ist und wir ihn nicht herausreißen wollen. Er schubt grad (alle Eckzähne sind jetzt da und er wächst wie ein Rübchen). Ich habe aber Schilder gefunden und was auch immer sich hinter dem Temple of Neale verbirgt, er stammt doch aus dem 14 Jh. und ist nicht vorchristlich. Wir schlagen es nach, wenn wir zu Hause sind, damit wir wenigstens wissen, was wir denn verpasst haben.

Und damit verlassen wir den verseuchten County Mayo und schlagen uns nach Galway durch (Galimh), wo man wenigstens das Wasser trinken kann. Übrigens dreht sich ums Wasser gerade eine der wichtigsten gesellschaftlichen Debatten Irlands, das war hier nämlich bis vor kurzem kostenlos (kostenloser Zugang zu Trinkwasser!!! geile Scheiße) und jetzt gibt es irgendwelches Theater mit der EU wegen Wettbewerbsrecht und Apple muss irgendwas bezahlen und deshalb soll es jetzt Wasserabgaben geben, oder gibt es schon neu eingeführt. Ganz genau sind wir daraus nicht schlau geworden, aber wenn sie es ohne Abgaben nicht hinkriegen, sauberes Trinkwasser bereit zu stellen (laut der Dame auf dem Campingplatz kommt das in Mayo wohl häufiger vor), hilft ja vielleicht eine Abgabe, dann gibt es Geld für Filtersysteme.

Nun also Galway. Es gibt kein Park & Ride und die Stadt ist für den Verkehr, der hier durchgeht, absolut nicht ausgelegt. Also Verkehrskonzepte haben die Iren nicht. Dafür ist Galway tatsächlich sehr schön und hipp und kneipig und voller Flüsse (leider mit gelben Schaumkronen) und mit Hafen und Touris und allem was das Herz begehrt. Mein Herz begehrt nach Teilhabe, und wie immer, das Budget... Also reichen uns zwei Stunden Bummeln. Die uns übrigens zum Schluss wieder ein paar komische Seiten dieses Landes vor Augen führen: die Kathedrale sieht aus wie ein Gefängnisbau mit Türmen (oder der Sitz eines krassen Geheimdienstes oder sowas) und wenn einen Katholizismus als Staatsreligion eh schon gruselt dann hilft das und die danebenliegende katholische Boys School mit mindestens 1000 Schülern, die alle nicht in der Lage sind, „Entschuldigung“ zu sagen, wenn sie blindlings in schwangere Frauen reinrennen. Es stand ja auch keine Nonne mit Stock hinter ihnen, um sie auf die geforderten Verhaltensregeln hinzuweisen.

Wir fahren raus aus der Stadt gen Burren National Park. Das dauert zwei Stunden (also das Aus-der Stadt-Rausfahren), denn absolut alle Wege gen Süden und Osten laufen über eine einzige zweispurige (!) Ausfallstraße. Siehe oben.

Wir schlagen uns erfolgreich nach Kinevara durch, wo wir einen Parkplatz am Castle finden, um die Nacht zu verbringen. Im Castle findet ein Medieval Banquet statt, wo sich die Leute schön verkleidet haben und alles. Man lässt uns nicht mitmachen, es ist leider eine private Veranstaltung. Dabei sehen wir aus wie mittelalterliche Landstreicher, ganz ohne Verkleiden. Und sowieso, die klappern mit Tellern und Besteck. Von wegen medieval.

Am nächsten Tag erkunden wir das Städtchen, es ist sehr hübsch und die Leute hier sind tatsächlich freundlich und freuen sich auch über Touristen. Wir kaufen Brot auf dem Farmers Market und genießen den Bummel. Mittags besuchen wir das Burren Nature Reserve, ein privater Kindererkundungspark, der wirklich toll aussieht (Empfehlung), aber da es derweil in Strömen regnet und stürmt, sind keine anderen Kinder da und für nur den Indoor-Teil der Anlage lohnt sich hier Eintritt zahlen nicht. Da machen wir lieber eine Burren-Rundfahrt. Es ist eine Landschaft aus felsigen Bergen und Küste und sieht teilweise total mondig aus, siehe Fotos. Wir picknicken im Sturm (lang lebe ein Haus auf Rädern, auch wenn es sich manchmal anfühlt, als reißen die Böen es um) und nutzen danach ein Wolkenloch für eine kleine Mondlandschaftskletterpartie. Die Nachtplatzsuche verlegen wir ein wenig weg von der Küste und fahren landeinwärts, in der Hoffnung, ein windgeschütztes Plätzchen zu finden. Mit Erfolg, einer der wenigen Waldwege Irlands (bei Kilfenora) bietet uns Nachtlager, Windschutz und Brombeeren.

Am nächsten Tag gönnen wir uns, nach einem morgendlichen Waldspaziergang (nach dem Frühstück in den Wald ist nach wie vor eine der schönsten Aktivitäten der Welt), nun endlich den lange fälligen Campingplatz in Doolin. Hier sind alle supernett, der Platz ist gut durchdacht und bezahlbar, etwas von der Küste weg, daher windgeschützt, und direkt am Bach. Wir putzen Hobo und uns und chillen, was das Zeug hält.

Am nächsten Tag steht eine der großen irischen Touristenattraktionen auf dem Plan, die Cliffs of Moher. Dank der Tipps anderer Reisender ergattern wir einen Platz auf dem versteckten kostenlosen Parkplatz und wandern über die Felder zu den Klippen. Wir sind leider ein bisschen blöd und finden den Eingang zum Walk nicht, daher müssen wir über den Weidezaun. So ein kleiner Stromstoß unterm Po macht ganz schön wach, muss ich sagen. Wenn man es „richtig“ macht, sind selbst selbst die erschlossensten Orte aufregend und gefährlich. Gefährlich ist diese Wanderung mit 80-120kmh-Böen an 30 Meter hohen Steilküsten sowieso, besonders mit Babytrage und Babybauch. Deshalb haben wir auch keines der „Ich sitze auf den Klippen von Moher und lasse die Beine baumeln“-Fotos, die the young and reckless sich hier gönnen. Trotz des Touri-Ansturms sagen wir zum ersten Mal in Irland „Hier müssen wir noch mal mit mehr Zeit her“ und den Burren-Walk machen. In Schottland hatten wir das ja öfter.

Nachmittags erkunden wir die nächste Bucht mit einem riesen Parkplatz direkt aufs Meer hinaus. Und die herrliche Brandung... Hier könnte man vielleicht die Nacht verbringen, rundrum stehen nur unbewohnte Ferienhäuser. Aber es stürmt noch immer und irgendwie sehnen wir uns nach ruhigen Nächten, also fahren wir weiter. Da sehen wir zwar noch ein bisschen was vom Burren, aber zugleich scheint es auch ein Fehler zu sein, denn weit und breit kein tauglicher Spot. Alles ist besiedelt und Privatbesitz und keine Parkmöglichkeit. Wir folgen einem Brownsign zu einem Castle&Archeology Center. Und fahren, und fahren, und fahren. Nach 20km frage ich einen Farmer, ob wir noch richtig sind, er sagt, das ist in ca. 4 Meilen. Also weiter. Nach ca. 6 km wieder ein Brownsign zum „Archeology Walk“. Ok, ist das nun das gleiche? Sie werden schon keine zwei verschiedenen Archäologiedingse auf einem Haufen haben, also folgen wir dem Schild. Nach weiteren 5km ein Schild zu einem Castle. Ist das noch das gleiche Castle wir vor 30 km? Drei Abbiegungen mit wiederum anderen Schildern („Castle Tearoom“ und „Castle und Archeological Center“) später erreichen wir Dysert O'dea Castle and Archeology Center, so wie es auf dem ersten Schild gestanden hatte. Irish signing, man, Irish signing. Man bedenke, dass die gesamte Strecke auf ca. 2,70 breiten Straßen mit links und rechts Gestrüpp stattfindet, und wir somit knappe zwei Stunden mit einer Spotsuche verbracht habem, bei der wir nicht wussten, ob wir am Ende werden die Nacht über parken können. Ich sage nur National Heritage Center (siehe letzter Post). Das Castle sieht cool aus und liegt mitten in Wald und Feld und der Tearoom ist urig und zur Belohnung fürs Durchhalten erlauben wir uns mal wieder Creme Tea. Die Tearoom Lady ist super nett und erlaubt uns, die Nacht im Castle Carpark zu verbringen. Yay. Things are looking up. Wir sind windgeschützt, aufgewärmt und alleine im Carpark. Und haben sogar noch Zeit, für den Archeology Walk mit Stationen wir 13. Jahrhundert Kirchen und 16. Jahrhundert Heilige Quellen (die mit ihren Heiligen Quellen) und Dark Ages (6. Jahrhundert?) Rundforts. Letztere sind nicht ausgegraben sondern sehen aus wie Steinhaufen inmitten von Kuhweiden, aber wir haben sie erkundet und wir sind die einzigen hier, was nach Moher ja schon wieder was hat. Unterwegs im Dorf (ist das nun Dysert? Man weiß es nicht.) treffen wir eine nette Amerikaner-Irin und kommen in ein derartig gutes Gespräch, dass wir es erst kurz vor Sonnenuntergang zurück nach Hause schaffen. Und uns für morgen zum Tee verabreden.

Nachts regnet es wieder und jetzt erklärt uns unsere Klimaanlage endgültig den Krieg. Wir erinnern uns, undicht und so. Die gesamte letzte Zeit hatte es gereicht, dass wir die Innenseite mit Stoff ausgestopft hatten. Die Wassermengen waren wohl nicht groß genug. Aber nach einer kompletten Regen- und Sturmnacht haben wir eine massive Havarie. Zwar tropft kein schwarzes Wasser mehr raus, dafür scheint jetzt aber das Wasser nicht nur an den Rändern durchzudrücken, sondern mitten durch die Luftschlitze reinzufließen. Wannenweise Wasser. Das muss doch ein Konstruktionsfehler sein. Den Vormittag verbringen wir mit Schöpfen, Gießen, Trocknen. Dabei bemerken wir, dass wir anscheinend gestern unterwegs unseren Abwasserhahn verloren haben. Der war, wie wir schon vor einigen Wochen mal festgestellt hatten, auch nur notdürftig rangeklebt gewesen und die ganze Konstruktion war schon auf unserer Überholungsliste, aber nun sind wir ganz ohne Hahn und können die Abflüsse nur benutzen, wenn rauslaufendes Abwasser kein Problem ist. Nun gut, alles nicht so schlimm. Hauptsache der Kofferraum rottet nicht noch mehr durch, so dass die Inhalte wenigstens noch bis zu Hause drin bleiben. Hier ist soviel gepfuscht gewesen, was wir beim Kauf nicht gesehen haben. Do it yourself, gerne, aber doch ordentlich. Naja, wir lieben Hobo mit all seinen Macken und müssen halt noch viel dran tun. Hauptsache jetzt unterwegs kriegen wir die Klima wieder dicht.

Wir fahren ins Dorf, hatten uns ja gestern mit Kerry verabredet, und da es immer noch regnet, lädt sie uns zu sich nach Hause ein. Wir verbringen wunderschöne Stunden mit Quatschen und Drinsitzen und später draußen mit Hunden und Katzen spielen. Und erfahren viel über Irland. Zum Beispiel, warum so viele Parkmöglichkeiten höhenbeschränkt sind: Es gibt hier wohl eine gesellschaftliche Gruppe der Traveler, die sich ähnlich wie Roma und Sinti der Sesshaftigkeit verwehren und als soziale Gruppe sehr in sich abgeschlossen sind. Sie gelten als stark patriarchal, gewalttätig und archaisch, unzivilisiert und werden mit Misstrauen und Angst betrachtet. Man hat also nicht prinzipiell was gegen Camper, aber gegen Herumtreiber, die nicht am Business teilnehmen, halt schon.

Wir reden auch viel über EU und Wirtschaftskrise und Brexit und Wasserabgabe und Apple und Co. und Unternehmenssteuern und es ist schön, einen Einblick ins „Irische“ zu erhalten, der zugleich von einer Zugezogenen, und somit in gewisser Hinsicht auch relativiert ist. Es ist schon später nachmittag, als wir uns verabschieden, und so bleiben wir die Nacht einfach am Rand dieser Dorfstraße stehen. Nach unserem ersten Aufenthalt in einem Haus seit so langer Zeit haben wir gerade gar keine Lust auf irgendwas machen und erleben und weiter weiter weiter. Wenn man zu Hause ist, sitzt man halt auch einfach mal nur so rum und quatscht. Und das hatten wir so lange nicht. Ich glaube, wir haben ein bisschen Heimweh.

Am nächsten Tag aber haben wir wieder Lust aufs Weiter, also fahren wir durch Ennis (unspektakulär) nach

Exkurs A:

Es war einst ein König in Shrule,
Der ging nicht so gerne zur Schule.
Er hing lieber rum,
Darum blieb er dumm.
So war's mit dem König in Shrule.

Exkurs B:

Es war einst ein Männlein in Köthen,
Das hatte gar arg große Klöten.
Die hingen herum,
Das fand man sehr dumm,
D'rum musste man es leider töten.

- ihr habt es erraten -

Limerick, was wieder sehr hübsch ist, mit einem Fluss (irgendwie liegt hier jede Stadt an einem Fluss) und Burg und Kirchen ohne Ende. Mein Bester darf hier endlich mal zum Barbier und sieht ganz wundervoll zivilisiert aus plötzlich. Nach kurzem Spaziergang fahren wir weiter zum Schlafplatzsuchen. Wir finden ihn in Glin direkt neben einem Spielplatz, das beglückt unseren Kleinen sehr.

Nach ausgiebiger Bespielung folgt am nächsten Tag eine Rundfahrt auf der Halbinsel Dingle mit Stopp im Celtic Archeological Museum. Das ist in einem Privathaus und stellt Fundstücke aus ganz Europa von der Steinzeit bis zu den Kelten aus, bietet aber wieder kaum Infos zum Panthon oder der Lebenswelt oder den Mythen der Kelten. In dieser Hinsicht hat Irland nichts geboten und wir freuen uns aufs Internet. Dafür Waffen und Schmuck aus Stein- und Bronzezeit, einen riesigen Mammutschädel (gefunden in der holländischen Nordsee) und ein urzeitliches Höhlenbär-Skelett. Wir sind einerseits enttäuscht, haben andererseits viel Spaß am Erkunden der Vergangenheit und der Sammlungstheorie (was wird hier wie ausgestellt; wo kommt das her; und wie wohnen diese Leute hier (wir erhaschen einen Blick auf herrliche Privaträume voller alter Sekretäre, Lampen und Trödel)). Dann fahren wir weiter durch Dingle (niedlich aber trotz Saisonende rammelvoll mit Touristen) zum Slea Point (das ist möglicherweise einer der westlichsten Punkte der irischen Hauptinsel)). Die Strecke ist wunderschön, Berge und Klippen und Meer, oh wilder Atlantik, und wir finden einen Parkplatz von dem aus man die Steilküste runterlaufen kann und unten ist dann (bei Flut) ein kleiner Strand, der über Nacht (bei Ebbe) zu einem großen Strand wird. Das Meer macht herrliche Farben und zum Sonnenuntergang färbt sich der Himmel rosa. Wir sind glücklich. So haben wir es uns vorgestellt.

Den nächsten Tag erkunden wir weiter die Dingle Halbinsel entlang des Slea Head Drive. Es gibt bronzezeitliche Ringforts und Bee Hive Huts zu besichtigen, auch Klöster und frühchristliche Kirchen, die wir uns aber ersparen. Wiederum wünschen wir uns mehr Zeit und Fitness für Tageswanderungen, denn es ist wirklich schön hier. Mittag essen wir am Strand von Inch, einem riesenlangen Beach mit Wellen und Surfern. Die Racker lieben das Meer und der Kleine erzählt noch Tage später, wie er mit der Mama Pitschpatsch gespielt hat.

Danach verlassen wir Dingle gen Ring of Kerry, der Rundfahrt auf der „schönsten“ der irischen Regionen. Kilarney selbst sparen wir uns aus den bekannten Gründen. Stattdessen beginnen wir unsere Rundfahrt an der Gap of Dunloe, einem vielbesuchten Tal zwischen den höchsten Bergen Irlands, den Mac Gillycuddy's Reeks. Hier gehen einerseits Wanderwege auf den Corrán Tuathail (mit 1039m der höchste) los, andererseits kann man auch das Tal entlang wandern oder sich mit der Pferdekutsche rumkutschen lassen. Wir „wandern“ ein wenig, aber mehr als zwei Stunden halte ich einfach nicht mehr durch und so drehen wir am ersten Viewpoint wieder um. Und dann ist hier – wie auch an den wenigen anderen Stellen, wo wir überhaupt Wanderwege in Irland gefunden haben (Burren Walk, Dingle Way, und jetzt eben hier) – wieder mal der Wanderweg auf der Straße. Klar, die Straße ist schmal und die Leute müssen wegen den Kutschen sowieso langsam und vorsichtig fahren, aber echt, als Wanderweg ist Straße scheiße. Und hier fahren so viele Leute einfach hoch zum Aussichtspunkt, und es gibt auch B&Bs und alles, da ist man quasi der Depp, wenn man das zu Fuß macht.

Den Rest des nachmittags verbringen wir bei den Pferden neben dem Parkplatz, die hier für Reit- oder Kutschtouren bereit stehen. Der Kleine fährt voll drauf ab. Zwar nennt er sie hartnäckig Muh, aber er lässt sich nicht davon abbringen, sie zu streicheln und erzählt heute noch davon, wie er bei dem Mann, der auch einen Hund hatte, auf dem Pferd saß, das währenddessen gegessen hat. Und wie die Mama ihn gehalten hat und das Pferd ganz weich war: Ma Wuf Muh hoppe hoppe namnam Mama weich.

Übrigens beginnen für uns jetzt rosige Zeiten. Der Parkplatz ist kostenlos(!), nicht höhenbeschränkt(!), hat eine öffentliche Toilette(!) und kein „No overnight parking“-Schild. Und so finden wir es in Kerry häufig vor. Außerdem gibt es ein kostenloses Info-Heft über die gesamte Region Kerry mit Karten zu allen Sehenswürdigkeiten und 130 Seiten Tipps und Termine. Als könnten sie doch Tourismus, die Iren.

Den kommenden Vormittag verbringen wir wieder bei den Pferden – die wir Erwachsenen aber nicht beneiden, die haben nicht das schönste Leben, stehen teilweise über Stunden ohne Wasser oder Wiese an kurzer Leine rum und schleppen ansonsten vier bis fünf Leute den Berg hoch. Manche der Kutschpferde sehen auch echt nicht gut aus. Aber der Kleine hat Spaß und Abenteuer und so gönnen wir ihm das. Dann cruisen wir ein wenig durch die Berge zum Caragh Lake, lunchen am River Cloon und spazieren durch den Lickeen Wood (Coill Licín). Dann checken wir Glenbeigh und Kells Bay (kleine hübsche Bucht mit dichten, urigen Wäldern) nach einem Nachtplatz ab, aber leider ohne Erfolg. Fündig werden wir in Cahersiveen am Ballycarbery Castle, einer kuhbewehrten Burgruine direkt an der Bucht, die uns nicht nur malerische Fotos schenkt, sondern auch einen einsamen Schlafplatz. Bei Vollmond über der Ruine verbringen wir einen gruseligen Abend.

Hier wieder ein kleiner Exkurs: Auf jedem unserer abseitigeren Schlafplätze kamen irgendwann im Verlauf des Abends zwischen einem und drei Autos hingefahren, haben gewendet und sind wieder weggefahren. Entweder, das hat etwas mit dem Bürgerwehr-Verhalten zu tun, das wir hier in Schildern an verschiedenen Stellen angekündigt bekommen haben (This is a Text Alert Area) und wir wurden abgecheckt, oder an jedem unserer Schlafplätze wollte abends jemand knutschen und hat es sich anders überlegt, weil ein Camper rumstand. Oder wer weiß, welche anderen abenteuerlichen Gründe es für dieses wiederholte Phänomen gibt.

Am nächsten Tag erkunden wir noch die beiden Ringforts, die hier direkt um die Ecke liegen, Leacanabuaile und Cahergal. Beide stammen aus frühchristlicher Zeit und waren vermutlich die übliche Wohn- und Versammlungsstatt der örtlichen Obermacker. Sie wurden schön wieder hergerichtet, so dass man sie beklettern und weit ins Land schauen kann. Auch sie liegen wieder inmitten von Weiden, und während wir gerade zu dem einen gehen wollten, kommt auf einmal eine Herde Kühe im gestreckten Galopp auf uns zugerannt. Wir waren froh, dass wir wegen der Racker nicht wirklich vorwärts kommen, und deshalb nur 60m vom Gatter weg waren. Vor dem Zaun bremst die Kuhattacke ab und nun stehen sie provokant davor und lassen uns eindeutig nicht vorbei. Hat Rocky doch recht, wenn er Schiss vor Kühen hat. Später liegen sie gemütlich in der Wiese und verdauen und lassen uns ganz unkommentiert einfach durchmarschieren. Viecher, ey.

Nach dieser Landpartie cruisen wir weiter den Ring of Kerry entlang und kommen auf der Skellig Route im äußersten Westen zu „The most spectacular Cliffs of Kerry“ laut Brownsign. Es gibt einen Carpark mit Toilette (Kerry, ey!) und ein Café und dann ein Pförtnerhäuschen, und da sollen wir dann pro Nase vier Euro zahlen, um die zehn Minuten übers Feld zu spazieren und Felsen zu sehen. Ich habe es schon einmal gesagt, Landbesitz! Die müssen in der Saison mehrere Tausend pro Tag einnehmen, so wie hier selbst im September die Leute denken, ach naja, jetzt sind wir schon mal hier, da zahlen wir das halt. Wir nicht. Wir lunchen im Carpark und reisen weiter.

Die Straße kriegt mal wieder unangekündigt 17% Steigung und Hobo kämpft sich im ersten Gang hoch, und wieder ist es einspurig, zum Glück hält der Gegenverkehr am Passing Place oben am Berg und lässt uns durch. Hinter dem Berg werden wir mit dem niedlichen Portmagee belohnt und der herrlichen St. Finnans Bay, in der uns ein kostenloser Parkplatz direkt über der Bucht ein Nachtlager und einen wundervollen Nachmittag mit Pitschpatsch, Felsen, Klettern und direkt um die Ecke einen Spielplatz beschert. Wir lernen eine kleine deutsche Familie kennen, die hier für eine Woche ein Ferienhaus mit Blick auf die Schären vor der Küste (Skelligs) haben und bei denen wir uns zum Wäschewaschen einladen (Tausend Dank, Mellie und Klaus!!!) und den späten nachmittag mit den Kindern spielen und Kaffee trinken. Ein rundrum herrlicher Urlaubstag.

Es regnet mal wieder die Nacht durch, aber seit unserer neusten Kompettverklebung der Klimaanlage bleibt alles dicht und trocken. Mülltüten und Gaffer Tape, des Motor Homies wichtigstes Werkzeug. Bei diesem Wetter ist eine Autorundfahrt am Ring of Kerry doch das beste, was man machen kann und so geht es also weiter. Zunächst zum großen Strand von Ballinskelligs, wo wir die Morgenwanderung abhalten und das Wetter wieder aufreißt. Inselwetter, jeden Tag etwas von allem bitte. Dann geht’s vorbei am hübschen Caherdaniel durch Wald und Fels und Meer und üppige Vegetation zum nächsten Ringfort (Staigue), diesmal wieder ein keltisches aus dem zweiten Jahrhundert. Klar, kennste eins, kennste alle. Aber wir wollten einen schönen Platz zum Mittagessen und den haben wir hier in den Hügeln. Und auch hier: Kostenloser Parkplatz mit öffentlicher Toilette. Kerry macht den ganzen Kampf der ersten Irlandhälfte wett. Und zwar locker.

Als unseren Schlafplatz visieren wir dann den Kenemara Stone Circle an. Der liegt quasi am unteren Ende der Halbinsel, und da wir langsam aber sicher an die Heimreise denken müssen, wollen wir den Ring of Kerry an dieser Stelle verlassen. Und da ist das doch ein würdiger, mystischer Abschluss. Denkste. Der Kenemara Steinkreis liegt tatsächlich mitten in der Kleinstadt Kenemara, die Beschilderung dahin hört plötzlich auf (man muss absolut wissen, wo man das letzte Schild suchen muss, um es zu sehen), und wenn man ranfährt hört plötzlich die Straße auf, es gibt keinen Parkplatz und kaum genug Platz, zwischen den kleinen Häuschen zu wenden. Wir sind erst mal gesackt und fahren aus Kenemara wieder raus. Im Wald vorher hätte es vielleicht die ein oder andere Rausfahr- und Übernachtemöglichkeit gegeben, aber zurückfahren für Spots ist immer irgendwie doof also fahren wir weiter, gen Cork. Ein Fehler, hier geht wieder die durchgängige Besiedlung bzw. Landwirtschaft los. Die Designated Driverin hat die Schnauze voll und so kehren wir um und parken Hobo mitten in Kenmare an einem kleinen Park. Wir bummeln durch die Stadt (es ist eine Heritage Town mit Schautafeln überall, die von den Klostern und Nonnen hier berichten und schönen Personenkult betreiben, geradezu niedlich und vollkommen touristisch) und kommen nun doch noch zum Steinkreis. Er ist gleich noch ein zweites Mal witzig, denn wenn man durch das Gated Community-Tor durch ist, hinter dem es irgendwo zu dem Steinkreis geht, kommt man an eine Pförtnerhütte mit Videokameras und einem Schild „Kasse des Vertrauens, 2 Euro bitte“ und irgendwelchem Feel the magic of this old place bla. Wir winken der Videokamera zu (ich filme sie ein bisschen, wer austeilen kann muss auch einstecken, hihi) und tun – wie auch die Leute nach uns, ihren schuldbewussten Mienen nach zu urteilen – so, als steckten wir was in die Box. Gehen drei Meter und da, ein kleiner Steinkreis. Ich muss so lachen. Wir feelen also ein bisschen die Magic und dann spazieren wir weiter. Diese unsere erste Nacht seit Musselburgh in der Stadt ist ganz ok, ein paar Besoffene schreien sich an, aber sonst als Spot gar nicht schlecht. In der Nähe der Öffentlichen Klos (ja!!!) mit einem Park vor der Haustür und so weiter. Und keiner belästigt uns. Also wieder mal alles super.

Und damit endet erst mal der touristische Teil unserer Reise. Wir stellen nämlich fest, dass unser Gas zur Neige geht, und wir sind nicht sicher, ob wir es mit Kühlschrank und täglichem Kochen und Tee und allem tatsächlich bis heim schaffen werden. Und die hiesigen Gasflaschen gehen natürlich nicht an unser System. Ich ergoogle in Cork eine Firma, die wohl auch befüllt, und mit deutschen Flaschen umgehen kann, und so verzichten wir auf Blarney Castle und fahren lieber Gas kaufen. Kaum in Cork angekommen, zählt Hobos Kilometerzähler zum sechsten Mal die 000. Wow. Corkgas jedenfalls befüllen leider nicht selbst und sind gerade frisch leer an deutschen Flaschen. Aber, sagen sie, fahrt doch nach Whitegate südwestlich von Cork zur Raffinerie, da ist die Befüllanlage und die beliefern rundrum alles. Naja, dann verzichten wir also auch auf den Rest von Cork, denn wann hat man schon mal die Gelegenheit, in einer Raffinerie einkaufen zu gehen. Wir finden die Raffinerie, aber verpassen leider alle guten Gelegenheiten für Fotos. Und wir sind wohl auch nicht die ersten, die hier direkt mal ne Gasflasche abholen, denn der Pförtner weiß genau, was wir brauchen und tauscht uns kurzerhand die Flasche und dann hier in das Büro und da die Quittung und fertig. Geradezu unspektakulär. Aber irgendwie mal was anderes.

Und da der Tag noch nicht vorbei ist, fahren wir nach Cobh (sprich „Koov“), das wurde uns empfohlen. Es liegt südlich von Cork und auf einem Inselsystem, das den natürlichen Hafen von Cork bildet. Es ist auch wieder eine Heritage Town: von hier sind die ersten irischen Auswanderer in die USA abgereist, hier war der letzte Hafen, den die Titanic angelaufen ist und von hier wurde zigtausende irische Gefangene nach Australien verschifft. Aber das ist nicht der Grund, warum Cobh von uns volle Punktzahl erhält. Hier gibt es einen riesigen kostenlosen Parkplatz direkt am Wasser, mit Promenade, Spielplatz und der Möglichkeit, bis zu 48 Stunden ein Motorhome abzustellen, inkl. Frischwasser und Kloentsorgungsstelle, Mülltonnen und allem. Für lau. Und direkt daneben der kleine Bahnhof mit halbstündlicher Direktverbindung nach Cork. Lang lebe Cobh. Ach ja, und auf dem Spielplatz haben wir richtig viele Locals kennengelernt, die sich alle sehr nett mit uns unterhalten haben. Man Irland, auf die letzten Meter lässt du's noch mal krachen, was?

Unsere Abreise von Irland haben wir mit der Fähre von Rosslare nach Wales geplant. Zwischen Cobh und Rosslare liegen knapp 200km irische Südküste. Aber da wir ja auch noch was von Wales haben wollen, und da ich noch auf einem Schlenker über Cornwall bestehe, und da wir ja schon lange übers Budget sind, und da wir ja auch irgendwann mal wieder nach Hause müssen …

Also man ahnt es schon, wir beschließen, mit diesen wunderbaren letzten Erfahrungen Irland abzuschließen. Wir genießen den Vormittag in Cobh noch mal in vollen Zügen, füllen unsere Vorräte auf, lunchen im Lidl-Parkplatz und fahren dann die zweihundert Kilometer durch, ohne Brownsings zu beachten, ohne Strände aufzusuchen, ohne Touristeninformationen zu besuchen, um Tipps zu bekommen, aber mit einiger Schwermut. Dafür kriegen wir noch ein Ticket für die Fähre am gleichen Abend zurück nach Großbritannien. Und müssen nicht mal den Hund entwurmen.

Bis zur Abfahrt haben wir noch Zeit, für einen letzten irischen Strandspaziergang und Currykochen in den Dünen von Rosslare. Der Kleine sagt „Bye, Meer“, und ich bin richtig wehmütig, dass wir jetzt doch schon abfahren von der grünen Insel. Wer hätte das gedacht, im letzten Blogpost ...

Saturday, September 17, 2016

Hobo goes to the UK and Ireland – Dublin und die Mitte

Unsere Dublin-Tour beginnt mit einem bösen Unglück: Mir fallen zwei Tassen frisch aufgesetzter Tee drüber und ich verbrühe mir den rechten Arm und das rechte Bein. Zum Glück nur teilweise und so schaff ich das mit meiner Hausapotheke. Daher übernimmt der Gute den Rest der Tour gen Dublin durch die Mitte Irlands (N4). Hier gibt es nur Zivilisation und weder Viewpoints noch Views. Der einzige Aussichtspunkt unterwegs ist mal wieder höhenbeschränkt und so haben wir sogar Schwierigkeiten, einen Ort fürs Mittagspäuschen zu finden. Als wir einen Spielplatz in der Nähe entdecken, halten wir an, um dem Kleinen eine Pause zu gönnen. Wir stehen unter einem grauen Betonbau, der irgendwie sehr trostlos aussieht. Auf dem Weg zum Spielplatz lesen wir die Aufschrift. Es ist eine Kirche. Hier gibt es so viele Kirchen und selbst die nicht sakral aussehenden Gebäude entpuppen sich als Gotteshäuser. Also wie gesagt, ein schöner Spielplatz. Wir haben ihn ganz für uns allein, es regnet. Uns gefällt das, da können wir den schwarzen Racker mit auf den Spielplatz nehmen, aber der Kleine ist schon unglücklich, dass er nie Kinder trifft. Es gibt echt auffällig wenig Kinder unterwegs, die sind entweder ganztägig in der Schule oder halt zu Hause. Und unbeaufsichtigt sowieso nirgends, nicht mal auf Dorfstraßen.
Also jedenfalls kommen wir als nächstes nach Dublin und umrunden es erst mal auf der Umgehungsautobahn, aber leider gibt es kein einziges Park&Ride-Schild. Wir wählen per Zufallsprinzip eine Ausfahrt im Süden und kaum sind wir runter, steht da P&R. Die sind doch blöd hier. Irish Signing! Wir parken also und gehen dann mit den Rackern spazieren, um unsere Infos für morgen zu sammeln. Es ist eine Tram, die uns in die Stadt bringen wird. In der Tram sind Hunde verboten. Echt nicht hundefreundlich, Irland. Wir spazieren dann durch das Viertel, in dem wir parken (Carrickmines), und bewundern die riesigen Villen, die sich uns hier darbieten. Das ist doch mal sozialer Wohnungsbau. Am Abend chillen wir auf dem Parkplatz.

Am nächsten Tag nun beginnen wir also unsere Dublin-Erkundung - ohne Wuffel - in der Südstadt: St. Stephen's Green, Fußgängerzone (sieht – wie sollte es auch anders sein – aus, wie jede andere Fußgängerzone in jeder anderen europäischen Innenstadt), Trinity College mit Science Gallery und Lincoln Place. Die Wissenschaftsausstellung beeindruckt uns sehr, sie dreht sich um das Sehen/Erkennen im Vergleich Mensch-Computer, inkl. Visualisierungen von KI und drei zeichnenden Robotern. Geiler Scheiß. Danach sind wir leider erschöpft, sonst hätten wir gern noch die Kunstgallerie mitgenommen, die auch kostenlos ist (eine ganze Reihe der Museen in Dublin verlangen keinen Eintritt, das hat uns sehr beeindruckt). Wir erholen uns erst mal im Starbucks (mein zweites Mal ever und nur, weil es in der Nähe keine Cafés mit leckerem Gebäck (Mama braucht was Süßes) gibt) und schreiben Postkarten. Danach bummeln wir noch ein bisschen , es ist eine schöne lebhafte Stadt mit unzähligen Pubs und unzähligeren Touristen, leider ohne umfassende Info zum ÖPNV, nicht mal in der Information. Aber mit dem wenigen, was die wussten, und ein bisschen Internet haben wir uns für den nächsten Tag auch schon mal einen Plan ausgedacht. Von unserem P&R aus war es nämlich fast eine Stunde Tramfahrt bis in die Südstadt, und morgen ist ja Nordstadt geplant und die Verbindung von Luas (Tram-Unternehmen) und dem städtischen Busverkehr ist leider nicht existent (weder in Haltestellen noch in einem gemeinsamen Tagesticket o.ä.), also positionieren wir uns morgen dann erst mal um. Ein weiteres Manko in touristischer Expertise: Dublin nennt sich selbst Literaturstadt und preist seine Dichter. Aber in der Information wussten sie lediglich von einer einzigen Bloomsday-Tour und die findet nur an Wochenenden und nur um 13 Uhr statt. Das hatten wir natürlich verpasst. Aber schon ein bisschen wenig. Es gab auch keine Karte für Fans mit Stellen aus dem Buch (obwohl es wohl überall in der Stadt Plaketten geben soll) oder auch nur eine, die das Joyce-Zentrum, das Literaturmuseum und den Joyce Tower angezeigt hätte. We are not impressed. Nun gut, der Wuffel wartet, also heim zum Parkplatz und raus mit dem Racker.

Am zweiten Dublin-Tag parken wir also mit unseren hart erkämpften Informationen erst einmal um, um statt auf der grünen Luas-Linie auf der roten Linie zu starten, die uns in die Nordstadt bringt. Unser neuer P&R liegt im Viertel Red Cow (warum das so heißt, muss ich erst mal googlen (wir haben kaum noch Internet, comments welcome)) und dank der bescheidenen Beschilderung und idiotischen Verkehrsführung verfransen wir uns erst mal ne Runde von ca. 50m vor dem Parkplatz. Aber egal, es lohnt sich, denn erstens sieht man auf der Red Line noch ein bisschen mehr von der Stadt und auch einen malerischen, älteren Teil. Wir steigen an der Abbey Road aus, bummeln ein bisschen, besuchen das historische Postamt, das mich sehr an Pratchetts Going Postal erinnert; das sich selbst – und uns – aber vor allem an 1916 (Easter Rising, look it up) erinnern soll. Der Unabhängigkeitskampf ist überhaupt hier überall Thema, und es dauert fast den ganzen Tag, bis uns endlich klar wird, warum gerade das so besprochen wird: „Hey, es ist 2016, das ist das Hundertjährige. Aber dafür, dass sie das da so thematisieren, hätte man vielleicht die Komplettsanierung der gesamten Innenstadt vielleicht auf ein Jahr früher legen können?“ Ungelogen, es sind sämtliche Straßen aufgerissen, man kann keine einzige Sehenswürdigkeit ohne Baustellenzäune oder -fahrzeuge fotografieren. Selbst der Easter Rising Gedenkpark wird gerade bepresslufthämmert. Auch The Spire (Fotos folgen, höchstes Denkmal der Welt oder so) ist von Bauzäunen umgeben. Nun ja, was will man machen, wir kehren mal im Parnell Heritage Pub am Parnell Place auf FishnChips ein und genießen die Rooftop Bar ganz für uns alleine. Danach verdrücken wir uns ins Writers Museum und lernen alle nennenswerten irischen Autoren kennen. Es schwirrt einem zwar danach der Kopf, aber das kriegt definitiv eine dicke Empfehlung von uns. Tolles Gebäude, super Ausstellung, und wir gehen mal wieder mit ner langen Leseliste nach Hause. Wichtigste Information, die wir mitnehmen: Alle wirklich bekannten Autoren (jetzt mal abgesehen von der Heimatliteratur und den auf irisch schreibenden) haben Irland aus dem einen oder anderen Grund verlassen. Joyce hat nach Dubliners ALLES in der expliziten Abkehr zu Irland geschrieben. Oscar Wilde gilt nicht einmal als irische Literatur, und wusstet ihr, das Bram Stoker Ire war? Und jetzt schmückt man sich mit den großen irischen Autoren... Und bei allen ging es in der ein oder anderen Form um Religion und „was sich gehört“ bzw. „was man darf“, selbst bei den politischen Autoren, die über die Nationsbildung o.ä. geschrieben haben. Ach, für immer weiter studieren dürfen und Irish Studies ranhängen... (Ich würde noch so viel studieren, wenn man einfach an der Universität in irgendwelche Kurse gehen dürfte und fertig. Wie gesagt, Mäzen gesucht.)
Nun ja, also nach der Literatur spazieren wir weiter durch die Nordstadt und zum River Liffey (das ist die mentale Trennlinie zwischen Nord- und Süd-Dublin). Im Viertel Temple Bar trinken wir einen Kaffee und Naschen was kleines in einem hübschen kleinen Café. Dass das hier das beliebteste Viertel der jungen Gäste ist, verwundert nicht, kleine hübsche Gässchen und ein Pub am anderen, dazu alternative Shops und so. Der Kleine hat nen Sugar Rush und tobt sich auf dem Heimweg so richtig aus. Lacht und rennt und zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich. Darf man mit dem Hut rumgehen und sich die Cuteness seines Kinds bezahlen lassen? Wir machen uns auf den Heimweg und gönnen den Rackern noch ein bisschen Abendausgang. Echt ein schöner Tag.

Da wir den Wuffel keinen dritten Tag alleine lassen wollen, muss es das soweit gewesen sein. Aber wie gesagt, sind Stadturlaube mit Kleinkind und Hund und ohne Pub- und Restaurantbesuche sowieso sinnlos, also machen wir uns am nächsten Tag leichten Herzens wieder gen Westen auf. Wir nehmen eine andere Route und steuern ein paar der „Sehenswürdigkeiten“ auf unserem Autoatlas an. Kaum sind wir aus Dublin raus, blinkert wieder mal Hobos Amaturenbrett und plötzlich geht der Motor aus. Wir erinnern uns, das hatten wir schon mal, kurz nachdem wir einen Dämon aus Boleskine-Haus mitgenommen hatten. Der hat sich seitdem aber ruhig verhalten, daher kommt das jetzt doch überraschend. Andererseits zu einem guten Zeitpunkt, ich hab genau genug Schwung, um auf eine Tankstelle rauszurollen. Schlaues unter die Motorhaube gucken und an Kabeln ruckeln, gibt uns keine Auskunft, also spreche ich ein paar Arbeiter an, ob sich einer mit Motoren auskennt. Das ist ja das gute an einem alten Auto, man braucht keinen Computer und keine Werkstatt, um Fehler zu finden und das ein oder andere zu beheben. Es findet sich einer, der mal unsere Batterie checkt – ist voll, heißt Lichtmaschine ist ok (puh!) und alle Sicherungen durchgeht (alle i.O. - das hatte ich auch gemacht, aber nicht gewusst, woran ich sehe, wenn was nicht i.O. wäre) und nix. Einfach keine Elektrik da. Da muss irgendwo ein loses Kabel sein. Wir ziehen an allen Kabeln die wir finden und plötzlich klick klack aha was ist das einen kleinen Moment bitte schnipp schnapp schau ich mach dir hier einfach mal ne neue Listerklemme rein und tada! So eine geile Scheiße. Tausend Dank, Adrian! Er will keinen Kaffee ausgegeben haben und geht einfach wieder an seine Arbeit. Und wir fahren weiter. Mit einem Wackelkontakt weniger. Die Hupe geht leider immer noch nicht, aber das hat man von Adrian ja jetzt auch nicht erwarten können.
Wir kommen nach Tullamore – ein sehr hübsches Städtchen und wie wir wissen auch ein leckerer Whisky. Laut unserer Karte gibt es in der Nähe den Charleville Forest, den wir erst vergeblich suchen und dann hinter Mauern als Bestandteil der Charleville Castle Grounds finden. Wir spazieren so lange der Kleine mitspielt und picknicken dann in einer herrlichen riesigen Eiche. Das Castle ist ein richtiges Märchenschloss und wird wohl gerade erst so richtig für den Tourismus hergemacht. Falls jemand ne Filmkulisse sucht, ich würde dort mal nachfragen.
Dann geht’s weiter gen „Clonmacnoise National Monument“ - mal sehen was das ist. Die Straßen sind entsetzlich schlecht und das Signing mal wieder sinnlos. Entweder es gibt keine Brownsigns, oder es stehen 15 klitzekleine Brownsigns mit jeweils 4 Zeilen Text direkt auf einer Kreuzung (auf einer 100kmh-Strecke). 14 davon sind dann meist B&Bs und Community Centers und was nicht alles, eines weißt nach Clonmacnoise, heißt aber anders. Aaargh. Nun ja, in Shannonbridge (mit einer einspurigen! Brücke über den Shannon) gibt es eine Information und wir fragen mal. Ja, es lohne sich, dahin zu fahren, es ist eine Landschaft aus Kirchen, Kathedralen und Klöstern, die bis in die frühchristliche Epoche zurückreicht. Was das mit National Monument zu tun hat, verstehen wir zwar nicht und noch mehr Kirchen interessieren uns zwar eigentlich auch nicht, aber da wir einen Schlafplatz suchen und es dort Public Toilets und Tea Rooms geben soll, checken wir es doch mal aus. Wir werden begrüßt von No overnight Parking, dann einer Höhenbarriere und sehr unfreundlichen Gesichtern, als wir dann halt am Straßenrand parken. Und dann ist das gesamte Gelände – Ruinen und Grabstätten, selbst der Zugang zum Fluss – komplett hinter Mauern, die Public Toilets und Tearooms sind nur für Leute mit Ticket zugänglich und die Ticketpreise reichen uns auch schon wieder. Uns will man hier nicht, das ist eindeutig. Also fahren wir weiter.
Jenseits des River Shannon folgen wir einem Brownsign zu einem Fishing Spot. Die Straße wird immer enger und enger, Hobo wird von Ästen zerkratzt und kein Fluss in Sicht, schon gar kein Fishing Spot. Wir halten auf einem kleinen Platz unter einem Felsen und erkunden den Rest zu Fuß. Der Weg endet hundert Meter weiter an einer Weide. Kein Fluss, nichts. Aber wenigstens ein Schlafplatz inmitten von Weiden und Feldern, d.h. viel Platz für entspanntes Spielen mit den Rackern. Wir fragen einen Local am nächsten Tag, der uns verrät, dass der gesuchte Fishing Spot zwei Kilometer weiter die Hauptstraße runter gewesen wäre. Das Brownsign war einfach an einer falschen Stelle...

Saturday, September 10, 2016

Hobo goes to the UK and Ireland * - Auf der grünen Insel – Nordhalb


* Stupid Google Photos hat leider grad mein Album gefuckt. Ging ja eh seit Mitte August nicht mehr. Fotos gibt's also erst hinterher, sobald es geht.)

Unsere Überfahrt zu den Paddys ist ereignislos. Irgendwie sind wir durch, wir sitzen nur herum und machen nicht mal ein Foto. Nach der Ankunft vollenden wir unsere 4000 km und fahren erst mal von Larne gen Norden die Küste entlang; einen richtigen Plan haben wir nicht. Da sowohl wir als auch Hobo einer dringenden Reinigung bedürfen, suchen wir erst mal einen Campingplatz. Das
Wetter ist noch immer strahlend blau und die Küste ist wunderschön. Weiße Felsen, pittoreske Dörfchen, Nordirland zeigt sich malerisch. Nur kleine, nicht zu teure Zeltplätze gibt es nicht am Meer. Also folgen wir einem Tipp und fahren landeinwärts. Hier werden wir fündig im Glenariff Forest Park im „Queen of Glens“. Alles neu gemacht, rundrum Wald und Berge, in der Ferne
leuchtet das Meer, und nebst uns nur fünf weitere Camper hier. Hier halten wir erst mal drei Tage inne, einen zum Spielen, einen zum Putzen und einen zum Wandern. Schön haben sie es hier gemacht, alles mit Bretterwegen ausgebaut, Wasserfälle für uns und Brücken und Treppen für den
Kleinen. Der liebt nämlich Brücken und Treppen. Und Kinder. Auf dem Spielplatz direkt vor unserer Haustür kommen immer welche vorbei und so sind alle Wünsche erfüllt. Zum Wochenende wird nun der Campingplatz rammelvoll, Zeit für uns, weiterzuziehen. Der Plan folgt der nordirischen Fotoroute: Zuerst geht es zu den Dark Hedges, einer Buchenallee, die seit ihrem Auftauchen in Game of Thrones zu einem der meistfotografierten „Naturschauspiel“ (Nord-)Irlands geworden ist. Umgeben von Hunderten Touristen möchte man sagen: People, calm the fuck down. It's just a road with some trees. Yes, they're nice trees. But still, get over yourselves ...
Als nächstes fahren wir die extrem malerische Küste der Region Antrim ab. Die Strecke nennt sich Causeway Coast Scenic Route, weil es hier den Giant's Causeway gibt, ein Unesco Naturerbe, wo die Felsen aus Hexagonen bestehen, weil hier der Basalt auf komische Art und Weise abgekühlt ist.
Die Küste ist, wie die Brownsigns (braune Hinweisschilder gelten jetzt recht universell als touristische Infos im Straßenverkehr, oder?) versprechen, tatsächlich „of outstanding beauty“. Wir picknicken am Viewpoint in Portaneevey, von wo man noch bis Schottland gucken kann. Leider
steht hier ein Eiswagen mit durchgehend laufendem Motor. Das hat man dann von Naturschönheiten... Dann kommen wir zur Carrick-A-Rede-Ropebridge. Hier liegt direkt vor der Küste eine kleine Insel, die mit dem Festland durch eine Fußgängerhängebrücke verbunden ist. Ein ganz heißer Tipp, das heißt, es wimmelt nur so von Menschen, die Parkplätze sind wegen
Überfüllung geschlossen, und wir fahren ganz entspannt dran vorbei. Und zum Giant's Causeway. Hier kommen wir immerhin schon mal bis auf den Parkplatz. Der ist aber auch rammelvoll und wir werden wieder weggeschickt, es ist nur noch Platz für PKW oder Reisebusse. Man empfiehlt uns
P&R aus Bushmills. Mmh. Eine Naturschönheit mit Touristenhorden teilen? 8 Pfund Eintritt pro Nase, um das basaltfarbene Visitor Centre (=riesiger schwarzer Klotz) auch von innen zu sehen und auf Felsen rumzustiefeln? Dazu Parkgebühren, Busticket, und Stress oder Alleinebleiben für den
Wuffel? Wir fahren lieber weiter die Küste entlang, schauen uns Bushmills an (klein, hübsch, überfüllt), halten auf Viewpoints, machen Fotos von Felsen und Meer, spazieren mit den Rackern, wo immer es ein bisschen geht, machen noch ein Foto vom Dunluce Castle und freuen uns, dass wir nun schon so viele der GoT-Sets gesehen haben, ohne es je drauf anzulegen. Hier bekommen wir noch den Tipp, dass in einem der Dörfer ein Pub seinen Parkplatz für Camper zum Overnight Parken freigibt. Cool, die Nordiren. Und so kehren wir zurück nach Ballintoy und chillen aufm Pub-Parkplatz mit Blick aufs Meer.

Da man von hier aus zu Fuß zur Rope Bridge kommt, versuchen wir es am nächsten Tag – es ist Montag – nochmal. Es ist zwar nicht ganz so überfüllt, kostet aber pro Nase schon wieder fast acht Pfund. Dafür, dass ich über eine Brücke und auf einer Insel spazieren gehe? Nein danke. Da unser Budget ja neben Essen für alle inkl. Hobo und den gelegentlich notwendigen Zeltplätzen ja nix hergibt, sparen wir uns nun also auch das, und spazieren lieber den Küstenpfad entlang. Wir sind zu arme Reisende, um am westeuropäischen Tourismus teilzunehmen. Schnüff. Oder lieber: Yippieh. Man weiß es nicht.
Den Nachmittag gönnen wir uns einen herrlichen Strandtag am wunderschönen White Park Bay Beach. Suck it, Giant's Causeway. (Achso, die Legende geht davon aus, dass hier Riesen eine Straße
nach (von?) Skandinavien rüber gebaut haben, und die Hexagone quasi die Pflastersteine der Riesen waren, oder so ähnlich. Daher der Name.)

Das Wetter wird und wird nicht schlechter, also vollenden wir den Beachurlaub noch ein bisschen. Die Racker findens klasse. Da unsere Vorräte zur Neige gehen, brechen wir nachmittags dann aber
in die nächstgrößere Stadt auf und gehen einkaufen (Coletrain). Und da kommt nun doch die nächste Wolkenwand und so sagen wir Nordirland lebewohl und fahren schwups über die Grenze. Man bemerkt sie kaum, nur dass es plötzlich nicht mehr 50 mph sondern 80 kph heißt und man uns komisch anguckt, wenn wir Pfund zücken (machen wir natürlich nicht).
Kleiner Exkurs: Wir haben uns mit einigen Nordiren unterhalten über Identität und Nation und so. Es ist sehr interessant, wie sie sich selber sehen und jeder gibt unterschiedliche Antworten und
zugleich ist es immer das gleiche. Sie sind froh, dass sie sich gegenseitig nicht mehr die Köpfe einschlagen. Wenn sie sich selbst verorten sollen, sagen die einen „I'm Irish“ (also selbst nordirische
Protestanten), die anderen „...Northern Irish“, keiner „British“. Alle, mit denen wir sprachen, fühlen sich auf jeden Fall zu UK zugehörig, finden aber den Brexit Scheiße – es waren aber größtenteils Farmer und damit die größten Verlierer des Brexit (diese Erfahrung haben wir auch schon in
Schottland gemacht) – und wollen weiter zur EU gehören. Innerhalb der Insel ist für sie die Zugehörigkeit zu Katholen oder Protestanten das wichtigste Identifikationsmerkmal. Wir haben –
und das hat sich auch noch nicht geändert – noch niemanden getroffen, der sich jenseits von Religion oder gar als Atheist verortet. Bei der nächsten Gelegenheit versuche ich mal eine
provokante Frage zu Säkularismus, Atheismus und Moderne. Dazu später mehr.

Nun sind wir also in Irland und wollen uns einen Schlafplatz suchen. Auf unserer nicht ganz so detaillierten Karte gibt es als erste ausgeschriebene Sehenswürdigkeit Crianan nan Aileach, und obwohl wir nicht wissen, was es ist, steuern wir das an. Es geht steil den Berg rauf, oh, Hobo quält sich sehr. Und keine vorherigen Steigungsanzeigen, dabei wissen wir schon, dass 20% für uns fast
nicht machbar sind. Naja, er schafft es, heulend, sprotzend, stinkend, und so kommen wir zu einem alten keltischen Rundfort mit herrlichster Aussicht. Man kann bis auf die Mauern raufsteigen. Das
war ein schöner Einstieg ins keltische Irland, nur leider ist hier schon wieder so ein No overnight Parking Schild und der Parkplatz sowie das Roundfort werden abends abgeschlossen, da probieren
wir das garnicht erst. Zuvor hatten wir ein Info Centre Schild gesehen, also versuchen wir es dort. Es stellt sich heraus, das Info Center ist Bestandteil eines großen Hotelkomplexes. Wir dürften gerne auf dem Parkplatz übernachten, sollen aber dann morgen bei ihnen frühstücken. Das können wir uns leider nicht leisten, also suchen wir uns eine Nebenstraße und bleiben einfach da. Vorher lassen wir uns aber von dem Info Center verzaubern. Es ist eine zu einem Restaurant und Museum zugleich umgebaute Kirche mit Fokus auf das keltische Pantheon und seine Sagen. Leider sind das zuviele Infos auf einmal und sie verkaufen auch keine Bücher zum Nachlesen, daher haben wir das
meiste schon wieder vergessen. Auf jeden Fall einen Besuch wert. Übrigens haben wir bisher kein einziges weiteres Heritage Center oder touristische Anlaufstelle zu irgendetwas keltischem
gefunden. Tausend Heilige, Holy Wells, Hochkreuze, Kirchen, Abteien, Kloster, Pilgerpfade und sonstwelchen früh-, mittel- und spätchristlichen Kram, aber nichts zu vorchristlichen Lebensweisen.
Außer Dolmen und andere neolithische Grabstätten, und auch die ohne größere Infos. Und Standing Stones, die größtenteils von den Christen bekunsthandwerkt wurden und jetzt Heiligengeschichten darstellen. Irgendwie tragisch. Und offenbar typisch für Irland.

Den nächsten Tag fahren wir dann erstmal gen Westen, zur nächsten Sehenswürdigkeit auf unserer
Grobkarte. Wir fahren durch das geschäftige Letterkenny und die umliegende langweilige Landschaft (flach, grün, Land- und später Forstwirtschaft). Nach dem Reisen durch UK beeindruckt
uns vor allem, wie groß hier die Grundstücke sind. Die Dörfer erstrecken sich über Meilen – nur im
Stadtzentrum ist 50, durch die Vororte brausen hier die Bundesstraßen mit 100kmh durch. Die Häuser sind oft riesig, und alles ist neu oder in den letzten 15 Jahren neugemacht.
Naja, also wie gesagt, Forstwirtschaft... Am Ende der Wälder finden wir ein hübsches Eckchen für unsere Mittagspause. Hier wachsen am Rand der Fichten plötzlich richtig alte Bäume, auch Buchen und Kiefern, alles mit riesigen Wurzeln. Ein Stück Waldweg verführt uns zum Halten, aber die Iren gehen wohl nicht gern im Wald spazieren, denn der Weg ist nicht nur der einzige in dem ganzen Waldgebiet, er endet auch nach 50 Metern. Dort steht die Ruine eines Waldhauses. Der Waldgeist,
der dort einst wohnte, ist wohl von seinem eigenen Zauber besiegt worden. Er wollte es nämlich unbedingt Mutter Natur gleichtun, und es in seinem Haus ergrünen lassen, aber mit seinem grünen
Daumen war es nicht sehr weit her. Also besorgte er sich ein großes Zauberbuch und vollführte ein magisches Ritual, das dauerte drei Vollmonde lang. Leider hat er aber den Text nicht richtig gelesen
und ist am Schluss nicht dreimal rückwärts um einen von einer Jungfrau benutzten Nachttopf geschritten und so wuchsen seine Zimmerpflanzen zwar nun plötzlich aufs herrlichste, hörten aber
nie mehr auf, und wuchsen und wuchsen und stießen durch das Dach und zerstörten den Kamin und
den Türstock und rissen schließlich auch die Wände ein. Dem Waldgeist blieb nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen, sonst hätten sie auch ihn noch zerstört. Seine Sammlung Kinderseelen
musste er leider zurücklassen. Sie sind noch immer in dem kleinen schwarzen Tümpel hinter dem Haus zu finden. Unser Wuffel hat sich dort so gegruselt, er konnte sich garnicht wieder einkriegen.
Vor dem Haus aber war eine kleine sonnige Stelle mit Waldboden und Moos, wo wir herrlich gepicknickt haben. Und danach ein bisschen Mittagsschlaf.
Erholt fahren wir weiter. Die Landschaft wird wieder eindrucksvoller (Hügel, Heide, Felsen, Bäche) und Glenfries ist das dazu passende malerische Städtchen. Von hier es geht es in den Glen von Glencolmkille, unser heutiges Tagesziel. Plötzlich sind wir von einigen Tausendern umgeben
und die Straße steigt mal wieder unangekündigt 20% an. Jetzt bloß kein Gegenverkehr, wenn ich hier anhalten muss, komm ich nicht mehr weiter. Glück gehabt. Trotz inzwischen Sturm und Regen  werden wir oben mit der herrlichen Aussicht auf das Dörfchen und die Bucht belohnt, die von Hügeln und Felsen und Heide umkränzt liegt. Hier gibt es nun ein Heritage Center direkt an der Bucht, und auf dem Parkplatz hier können wir bleiben. Wir sind – zum letzten Mal seither – nicht die einzigen Camper, die hier halten. Nach einem kleinen Spaziergang an der Bucht – Regen macht unseren Rackern ja nichts aus – ziehen wir uns in Hobos gemütlichen Bauch zurück.
Technisches Detail: Unserer lecken Klimaanlage begegnen wir seit einiger Zeit dadurch, dass wir eine Zeltplane auf das Dach spannen. Das war bei Wind schon immer etwas suboptimal; dank des heutigen Sturmes beschert uns diese Technologie eine sehr laute Nacht...

Nach einem ausgiebigen Strandspaziergang erkunden wir nun das Glencolmkille Heritage Center, dass uns einen Einblick ins Leben hier im Glen seit der Steinzeit beschert. Es gibt zahlreiche neolithische Gräber und Kultstätten in der Umgebung und auch viele Standing Stones. Mit der
Christianisierung im 4./5. Jahrhundert wurden viele der vorhandenen Kultstätten dann kurzerhand umgedeutet, aus keltischen Identifikationsfiguren wurden Heilige gemacht etc. Der Ortsname geht
übrigens auf den missionierenden Mönch Colmchille zurück, der den Großteil des Nordwestens bekehrt hat und hier auch das erste einer Reihe von Klostern gegründet hatte. Das Museum wurde übrigens in Ehren eines Pastors eröffnet, der hier von 1940 an gewirkt und wohl viel für das Leben
der Gemeinde getan hat, so dass es nicht zu so einer massiven Abwanderung kam wie in anderen Dörfern entlang der Küste. Und so gibt es neben nachgebauten (wunderhübschen, reeddachgedeckten) Cottages aus dem 19. Jahrhundert auch das Cottage des Pastors zu besichtigen.
Eine Reise durch die Jahrhunderte. Danach noch Scones und Tee im Tearoom, da ist doch der Tag perfekt. An der Stelle war aber eigentlich erst Mittag, also haben wir ausgiebig Siesta gehalten und sind dann noch in die Irische Sprachschule gegangen und haben dort ein wenig Gälisch gehört und
für mich eine Einführung gekauft. Es gelingt mir aber leider nicht wirklich, reinzukommen, man hört es zu wenig und zum ernsthaften Lernen mit Buch komme ich mit den Rackern an meiner Seite natürlich nicht. Aber es musste einfach sein, um die Sammlung von Walisisch und Maori zu ergänzen. Wir sind dann noch ein wenig durchs Dorf gebummelt auf der Suche nach einem der neolithischen Gräber oder Standing Stones (die hier einen ganzen Pilgerpfad ergeben), haben aber nichts gefunden (zum Training von Jörgs Kartenlese-Skills mische ich mich bei solchen Aktivititäten nicht mehr ein, daher war es ein schöner Spaziergang aber ohne Funde).

Diese haben wir uns für den nächsten Tag aufgehoben, als wir einen Rundfahrt zu verschiedenen Steinzeitstätten gemacht haben. Leider ist die alte Geschichte hier nicht so gut ergründet, wie die gesamte Kirchengeschichte, und so gab es keine Tafeln oder Infos oder ähnliches. Naja, wir wissen ja schon viel, und wir sind ja eh die einzigen, die hier sind...
Da es regnet, machen wir einen Fahrtag entlang der Wild Atlantic Scenic Route. Zuerst kommen wir nach Donagal, einem hübschen Städtchen, wo der Lord der Region saß. An einem Strandparkplatz (also eigentlich davor, denn hier kommen wir an eine erste von zahlreichen Höhenbarrieren, mit denen die Iren ihre Parkplätze vor Motorhomes und Campern schützen. „No
Camping“- „No overnight Parking“ und „Clamping“-Warnungen allein reichen ihnen halt nicht aus.) halten wir zur Mittagspause und einem kleinen Spaziergang im Regen, dann geht’s weiter gen Sligo. Unterwegs suchen wir Nachtstätten, aber die Strände, die wir finden, sind wieder voller
Verbotsschilder und es ist zum Teil eher unklar, wo man denn hier nun das Auto abstellen darf, daher fahren wir stattdessen auf einen (tatsächlich!) verbotsschildfreien Parkplatz im Dörfchen Grange direkt neben einem herrlichen Spielplatz, wo wir den Rest des Tages den Kleinen beglücken. Und weil ich grade am Ranten über die hiesige Verbotsschildkultur bin: Auf diesem Spielplatz ist Rennen verboten. Auf dem nächsten Ballspielen. Und auf dem nächsten Radfahren. Nebst natürlich den universell verbotenen Littering, Loitering und Kaugummikauen. Und Stöckelschuhe...Dafür wachsen rund um den Spielplatz wunderschöne Vogelbeeren. Grange ist eher Strange. Ach ja, was es in ganz Grange nicht gibt, sind Mülleimer. Ich spreche mehrere Leute darauf an. Die erste Erklärung ist, damit die Leute nicht littern, gibt es keine Litterboxes. Dann gewöhnt sich jeder gleich an, seinen Müll mit nach Hause zu nehmen. Den Spielplatzreiniger frage ich, ob das Konzept denn aufgeht, und was denn zum Beispiel mit Hundetüten passiert. Er sagt, nein, er muss schon immer viel wegräumen und grad auch Hundetüten. Aber wenn man hier Mülleimer aufstellte, würden die Leute ihren Haushaltsmüll in der Stadt wegwerfen statt in ihre Hausmülltonne, weil das ja billiger ist. Grange ist eher Strange. Eine sonderbare Vorstellung von Public Service, Gemeinschaft und Öffentlichkeit ist das. Und auch wieder diese katholische Vorstellung, dass von jedem nur das Schlechteste zu erwarten ist. Sie wird uns noch häufiger begegnen.

Am nächsten Tag dürfen wir noch weitere Sonderbarkeiten irischen Alltagslebens beobachten. Dass das Schulsystem hier ja noch fest in der Hand der Kirche ist, hatte ich schon erwähnt oder? Auch dass trotz 21. Jahrhunderts und zahlreicher Sozialforschung zu den Wonnen der
Geschlechtertrennung hier noch viele Schulen reine Boys oder Girls Schools sind? Ich hatte ja in meinen letzten Schuljahren an einem Schüleraustausch mit einer Schule in Cork teilgenommen, wo ich bereits viele, ich nenn es jetzt mal „Kulturschock“,-Beobachtungen machen konnte. Auf dieser
Reise jetzt kommen da einige Erinnerungen zurück und vieles, was wir hier beobachten, fühlt sich für uns als aufgeklärte, säkulare und eher freigeistige Familie aus dem 21. Jahrhundert sehr rückständig an. Und dabei ist es zugleich eine ganz neue, moderne Art der Beengtheit. Oh, ich rede
zuviel. Zurück zur Beobachtung. Unser Spielplatz-Parkplatz liegt gegenüber einer Kirche und einer Schule, und während wir hier frühstücken, beginnt die Schule. Der Parkplatz ist plötzlich rammelvoll. Jeder bringt hier seine Kinder mit dem eigenen Auto zur Schule, es gab nicht eine Fahrgemeinschaft oder ein Auto mit mehr als einem Kind. Aber dann steigen auch nicht etwa die
Kinder aus und gehen zur Schule. Nein, sie werden bis hinein gebracht und persönlich übergeben. Die Schule ist exakt 10 m entfernt. Und es gibt eine Ampel direkt davor. Und wir reden auch nicht von Erstklässlern. Nach dem wir das gesehen haben, wird uns klar, warum wir so häufig schräg angeguckt werden, wenn unseres Kleinen Radius u.U. auch mal 30 m beträgt oder er alleine durch Supermarktgänge laufen darf, ohne dass wir ihn an einer Leine führen (hier bei bis zu 3jährigen üblich) oder kontinuierlich die Hände dran haben. Aber die Welt ist ja auch ein gefährlicher Ort, wenn jeder Fremde immer erstmal Stranger Danger ist, jeder ein potenzieller Verbrecher, alles um einen herum eine Gefahr für Leib und Leben darstellt, außer ich kann es mit CCTV aufnehmen (An JEDEM Haus. Wirklich.) oder mir irgendwie anders das Gefühl kompletter Kontrolle einillusionieren. Also jedenfalls hat uns das alles irgendwie ein grausliches Gefühl gemacht und wir haben uns schnell aus dem strangen Grange verpisst, weiter gen Sligo.
In dieser Region hat ja der gute William Butler Yeats einige Zeit gelebt und so findet man in Drumcliffe sein Grab. Wir besichtigen es, es ist einfach, kahl, frei von Blumen oder Devotionalien, unspektakulär. Im Tea Room am Friedhof gönnen wir uns ein Stück Carrot Cake, damit wir die Toiletten benutzen können. Habe ich schon erwähnt, dass es in Irland keine Public Toilets gibt, was unsere Art zu reisen reichlich erschwert? Ach ja, und noch immer kein Mülleimer in Sicht. Wir haben derzeit Kackewindeln aus drei Tagen an Bord. Und unser Klo ist voll. Und das einzige Klo auf 50 km ist nur für Kunden. Also Carrot Cake und Yeats-Gedichte. Dessen Bio müssen wir uns auch noch mal anschauen (Drogenexperimente, Golden Dawn, Magie-Ausbildung...). Die restliche Strecke nach Sligo ist anstrengend. Die Straßen sind klein und schlecht, das ganze bei viel Verkehr und jeder zieht hier Fresse. Es ist fast wie an schlechten Tagen in Deutschland. Auch Sligo ist keine freundliche Stadt, selbst in der Touristeninfo schaut man uns noch genervt an, wenn wir nach Dingen fragen. Und ich ziehe mit Pluderhose und Ringelsocken die Blicke auf mich, als hätte hier keiner jemals irgendeinen alternativen Kleidungsstil gesehen. Es gibt auch keine Straßenkünstler
o.ä. Also machen wir hier unsere Besorgungen – Wäsche waschen, Einkaufen und irgendwie unser Klo ausleeren (danke Texaco-Tankstelle mit einer von außen begehbaren Toilette) – und verschwinden so schnell wie möglich. Entweder ist das hier die Stinkeecke von Irland, oder es ist
nicht weit her mit irischer Gastfreundschaft, oder aber sie hassen einfach Camper. Da wir von Nordengland und besonders Schottland so verwöhnt waren in Sachen Public Services, Gastfreundschaft und Freundlichkeit, egal wo man hinkam, stinkt Irland jedenfalls gerade ganz schön ab. Wir beschließen, abzukürzen und uns erst mal nach Dublin durchzuschlagen, vielleicht hilft ein bisschen Großstadtkultur, um den Provinzgeschmack loszuwerden.
Dublin liegt für unsere Reiseroute (Westküste – Südküste) etwas ungünstig, aber als Joyce-Fans (wir haben beide mindestens 20% Ulysses und Finnegans Wake gelesen!) können wir das nicht auslassen. Und so kreuzen wir einmal quer rüber. Unterwegs wollen wir noch mal übernachten, aber
es gibt auf der gesamten Strecke nur einen Parkplatz entlang der Straße und der ist – surprise und siehe oben – höhenbeschränkt (was machen hier eigentlich die Trucker?!) und kaum Brown Signs zu Sehenswürdigkeiten. Es gibt auch keine Wanderwege oder Naturparks und an den Seen gibt es
auch nur selten Spazierwege. Wir versuchen zwei, drei Ecken ohne Erfolg und finden dann einen Viewpoint überm Lough Arrow wo wir die Nacht verbringen, mit Blick auf Wald und in der Ferne die Ruine des Castle Balinafard und am Himmel die Sterne. Morgen kommen wir in Dublin an, aber
das wird ein gesonderter Eintrag.