*Für Fotos habt ihr ja den Link aufs Album. Falls nicht, bitte Mail.
Nachdem wir uns nun also den recht ländlichen Teil von Nordschottland (den Osten) angeschaut haben - in dem wir Kühe sahen, die vor Rieseneutern nicht laufen konnten, und Fleischschafe, die irgendwie aussahen wie Kampfhunde (was kann man aber sonst in Nordschottland machen und wie will man auch mithalten in einer der härtesten „liberalen“ Wirtschaften der Welt) – brechen wir nun also auf gen Westen. Zunächst fahren wir ins nahegelegene Thurso, das recht hübsch ist mit seinem gleichnamigem Fluss und Strand und Castle. Wir müssen Dachdichtung kaufen, denn durch unsere Klimaanlage regnet es rein. Die hätte es sowieso nicht gebraucht in unserem Hobo und jetzt macht sie auch noch Ärger! Und dann weiter, durch herrliche Landschaften zwischen Heather, Hills und Sea. Besonders malerisch ist es bei Bettyhill. Da küsst das Meer eine typische Highland-Hochmoor-Landschaft und es ist so still. Ganz heißer Tipp für Leute mit noch mehr Reisezeit als wir. Unser Zwischenziel ist der Kyle of Tongue. Leider finden wir keinen WoMo-tauglichen Strandzugang, man ist hier wohl auch nur auf durchfahrende und nicht so wirklich auf bleibende Touristen eingestellt und so gibt es nur einen einzigen Parkplatz quasi mitten im Kyle of Tongue, den eine Art Brücke oder Damm teilt. Das Wetter ist fantastisch und so gönnen wir uns hier einen „Strandtag“. Es ist Ebbe, abgesehen von einem kleinen Fluss ist alles hier Strand. Der Kleine ist mal wieder kaum aus dem Wasser zu halten und auch der Schwarze tobt sich richtig aus. Und wird von einem Krebs gezwackt. Später schauen wir zu, wie die Flut das ganze Becken ausfüllt, dichten das Dach ab und fahren dann zurück in die Wälder am River Borgie, um dort die Nacht zu verbringen. Trotz des Wetters verbringen wir den Abend drinnen, denn hier ereilen uns zum ersten Mal die berüchtigten Highland Midgets in solchen Schwärmen, dass alle nur noch um sich schlagen.
Auch am nächsten Tag hält das Wetter und wir wählen eine der unbefahrensten Highland-Routen (nicht die ausgeschilderte Tourist Route) gen Süden. Entlang des herrlichen Loch Loyal. Hier ist wirklich niemand und es ist so still und wundervoll. Erinnert mich an meine Loch Ossian Erfahrung meiner letzten Schottland Reise vor 15 Jahren, nur mit besserem Wetter. Vollkommene Wasserspiegel! Vollkommene Stille. Und dann über tausend kleine Bäche, vorbei an zig kleinen Seen, Picknick irgendwo in der Natur. Seufz. Die zweite Hälfte der Route ist eher boring, hier hat die Forstwirtschaft Waldleichen und Monokulturen hinterlassen, aber egal, es ist eben auf andere Weise spannend: in Lairg ist großer Schafsmarkt mit hunderten Pickups der Farmer und zig Tiertransportern, manche mit vier Etagen. Gruselig. Aber all das muss man mitdenken, wenn man Lammkotelett denkt. Oder Merino-Pullover. Ab Loch Shin ist dann wieder Zivilisation und ab den Shin Falls auch wieder Tourismus. Hier stehen ein Dutzend Leute mit fetter Fotoausrüstung und starren wie die Dödel in den Wasserfall. Es dauert einige Minuten, bis wir verstehen, warum: Lachse versuchen, diese riesige Schwelle zu überwinden. Wir sehen keinen, der es schafft. Aber da dies schon seit Jahrzehnten eine Atlantiklachsroute ist, muss es dem ein oder anderen ja gelingen. Fünf Meter flussabwärts steht seelenruhig ein Angler und profitiert auf seine Weise von einem Pool voller verzweifelter und erschöpfter Lachse. Wir kreuzen noch den Kyle of Sutherland und fahren den Strui Hill hoch zum Aussichtspunkt, in dessen Nähe wir die Nacht verbringen.
Nun geht es wieder durch Inverness, denn es muss mal wieder Wäsche gewaschen und eingekauft werden. Und dann, was auch auf der untouristischsten Schottlandreise nicht fehlen darf: Loch Ness. Und wer stellt sich denn bitte vor, ans Loch Ness zu fahren, die Strandmuschel aufzubauen und erst mal eine Runde schwimmen zu gehen? In unseren kühnsten Träumen nicht. Aber so war es. Glorioser Strandtag. Und -nacht.
Nessie-Pancakes zum Frühstück. Und dann den See entlang. Wir nehmen die etwas weniger touristische Südseite. Hier gibt es zwar kein Urquhart Castle, aber dafür Boleskine House, Aleister Crowleys Refugium Occulto. Und später Jimmy Pages. Es ist leider abgebrannt. Wer wird unser Mäzen und Sponsor, wenn wir die Ruine kaufen und ein Okkultismus- und Meditationszentrum hochziehen? Wilde Träume machen sich in uns breit. Ein kurzer Spaziergang zu den Foyer Falls (leider etwas überrannt, aber sehr schöne Landschaft) und dann weiter durch herrlichsten Wald und später wieder wundervolle Hügel- und Heidelandschaften. Nach Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy biegen wir mal kurz in die Nevis Range ab. Das ist dann das, was in UK als Hochgebirge gilt: eine Berglandschaft aus kahlen Tausendern. Das Visitor Center dort ist natürlich (es ist die letzte Ferienwoche) rammelvoll, es gibt eine Seilbahn und einen Hochseilgarten (35 Pfund Eintritt!!!), aber nichts davon ist für uns, also weiter Richtung Malaig, wo es sehr schön sein soll und von wo aus man auf die Isle of Skye kommt. Wir suchen unterwegs einen Schlafplatz – oh ja, es ist sehr schön, herrliche Hügel, Wälder, Löcher. Wir halten in Glenfinnan, wo es ein Besucherzentrum und ein Jakobitermahnmal gibt, sowie herrliche Berge und Wälder und Seen. Der Parkplatz ist rammelvoll, aber wir finden einen anderen, wo wir tatsächlich stehen bleiben könnten über Nacht. Aber warum sind hier nur so viele Leute? Egal, wir wollen erst mal spazieren gehen. Da spricht uns eine Gruppe an, ob hier der alternative Weg zum Viaduct ist. „Ähm, Viaduct?“ „Naja, Sie wissen schon, die Brücke durch die Berge mit der Dampflock aus den Filmen...“ ('Aaahhh. Ist hier also die Harry Potter Hogwarts Express Brücke. Das erklärt die Horden...') „Keine Ahnung, wir wollten eigentlich nur eine Runde spazieren.“ Tun wir dann auch, und prompt dreißig Meter weiter stehen wir unter besagtem Bauwerk und rundrum auf den Bergen die Hogwarts-Fans mit ihren Fotoausrüstungen. Nun, die Dampflok ist wohl für heute schon durch und wir haben einen herrlichen Spaziergang mit Wald und Wiese und Bächlein und einem Baumdenkmal, an dem wir ein Alter von knapp zweihundert Jahren zählen. Alle haben Spaß, bis die Midgets kommen.
In der Nacht hat es geregnet. Und unser Roofing Material ist offenbar nicht ausgehärtet. Nun haben wir nicht nur eine tropfende Klimaanlage, sondern eine schwarze Brühe tropfende Klimaanlage. Aber wir haben ja Lappen und Handtücher. Also was solls. Wir machen einen wundervollen Spaziergang durch den Wald. Rundrum rennen die Touris der blöden Dampflok hinterher, während auf diesem herrlichen Wanderweg außer uns kein Mensch unterwegs ist. Und dann haben die alle auch noch Pech: Der Zug kommt heut offenbar nicht, es gab wohl eine Panne. Wir fahren weiter Richtung Malaig und Lunchen am (nur weil der Name so schön ist) Loch Nan Uamh. Hier ist offenbar Gälisch-Gebiet und es soll wohl auch noch ein paar Sprecher geben. Getroffen haben wir bisher noch keinen und leider auch noch kein Einführungsbuch gefunden, wie ich es damals für Walisisch und Maori besorgt habe. Gälisch. Der Loser unter den Minderheitensprachen. Einen weiteren Stopp machen wir an Bonnie Prince Charlies Bucht der Schmach für eine Gedenkminute. Der Träumer. Aufgewachsen in Frankreich kommt er nach Schottland, um mit der Hilfe der Highland Clans Schottland von den Rotröcken zu befreien und den Thron für die Stuarts zurückzugewinnen. Wie das ausging, hatten wir ja schon mal (siehe Culloden). Innerhalb von zehn Monaten ist alles vorbei und er exiliert aus der gleichen Bucht zurück nach Frankreich. Nicht ohne eine Abschiedsschlacht, bei der die Hälfte der Reste der Kriegskasse in der Bucht verlustig ging. Dann kommen wir nach Arisaig, wo wir eigentlich einen Campingplatz suchen, aber alle Sites sind voll, daher halten wir an einem Parkplatz am Straßenrand direkt an der Bucht. Es ist atemberaubend schön hier. Auch diese Landschaft ist wegen eines Films ein wichtiger Touristenmagnet geworden, allerdings schon innerhalb der letzten zwanzig Jahre oder so. Hier sind wohl die Außenaufnahmen von Local Hero entstanden. Müssen wir also mal auf die Liste setzen... Wir lassen uns vom Regen nicht die Laune verderben und finden es trotzdem herrlich. Und unsre Racker sind eh am liebsten draußen, egal wie's Wetter aussieht. Nur das schwarze Wasser nervt...
Wir werden für gestern entschädigt und verbringen einen glanzvollen Sommersonnenstrandvormittag. Und treffen endlich unsere Entscheidung, was von den vielen herrlichen Orten Schottlands wir alles verpassen sollen und wofür noch Zeit ist. Die Inseln streichen wir samt und sonders von der Liste. Auch Distilleries, Oban und alles whiskybezogene muss auf unsere nächste Reise warten. Stattdessen haben wir heute noch die Möglichkeit auf Highland Games. In Glenfinnan ist nämlich gerade heute das traditionsreiche Highland Gathering, und bei solchem Wetter lassen wir uns das nicht entgehen. Wir hatten dem Kleinen ja eh schon einen Kilt gekauft – sorry Junior, es musste sein. Du kommst damit noch davon. - und so fahren wir also den Nachmittag noch zurück. Wir erleben das Ende der Games und der Kleine wird eine wichtige Attraktion, so entzückend wie er ist. Wir treffen viele spannende Leute und haben einen rundum tollen Tag.
Es ist wieder grau geworden und so brechen wir nach entspannten Frühstücks- und Hunderunde auf aus Glennfinnan und in die berühmten Western Highlands. Glen Coe und Ben Nevis und so. Es ist tatsächlich wunderschön hier, wild und rauh. Aber eben auch viel Verkehr. Wir biegen von der Hauptstraße ab ans Loch Leven und finden einen kleinen Spot hoch über den Loch an unserem ganz eigenen Wasserfall. Ich erklimme mit dem Schwarzen zusammen einen kleinen Hügel direkt über dem Loch, für die echten Berge hier reicht meine Kondition (Ende 6. Monat) nicht mehr aus. Schön! Abends kommen hier die Midgets in dicken schwarzen Wolken raus und hüllen Hobo ein, man könnte einen Horrofilm draus drehen. Keiner wagt sich raus.
Wieder Regennacht. Die Midgets lassen sich von der Nässe nicht abschrecken. Krasse Viecher.Wir steigen durch die Nässe an „unserem“ Wasserfall entlang den Berg hoch bis wir die Wolken von unten streicheln können. Das reicht uns für heute. Der Kleine kriegt noch eine Runde Spielplatz-Action. Er sehnt sich so nach Kindern und fragt uns immer, wo Kinder sind. Es macht mir ein wenig ein schlechtes Gewissen und ich kann nur Hoffen, dass es bald mit dem Kita-Platz noch eine Runde Spielplatz-Action. Er sehnt sich so nach Kindern und fragt uns immer, wo Kinder sind. Es macht mir ein wenig ein schlechtes Gewissen und ich kann nur Hoffen, dass es bald mit dem Kita-Platz klappt. Aber das ist ein ganz anderes Drama. Akuter: Beim Losfahren ergießt sich ein Schwall Schwarzwasser in Hobo, der sich in der blöden Klimaanlage gesammelt hatte. Hier muss was geschehen, aber das Ding unterwegs ausbauen? Und dann wie weiter? Wir legen Tücher aus und vergessen den Dreck und genießen lieber die herrliche Landschaft auf dem Weg nach Süden. Auf dem Weg durch Glen Coe und Co. Durchkreuzen wir vier verschiedene Wetterlagen. In der Sonne sammeln sich immer die Touristenhorden und im Nebel und Regen haben die Berge ihre Ruhe... Wir verlassen das Hochgebirge (Richtig Wandern geht ja grad eh nicht und wir haben ja auch noch Irland vor, da muss einfach irgendwann Schluss sein) und fahren in den Loch Lomond/Trossachs National Park. Hier ist dann richtig Touri, aber klar, das liegt eine halbe Stunde nördlich von Glasgow. Ich kenne ja schon die Ostseite und so bleiben wir auf der Hauptroute den See hinunter. Wir finden Glen Luss, eine magische Waldregion, wo wir noch einen längeren Spaziergang unternehmen und dann zur Ruhe kommen.
Den nächsten Vormittag verbringen wir noch hier im Wald und dann heißt es vorbei an Glasgow und die Küste entlang nach Süden, in Richtung Fähre nach Nordirland. Hier wird es irgendwie trostlos. Kilmarnock hat auf den ersten Blick für den Durchfahrenden nicht wirklich was zu bieten und Ayr ist eine triste Küstenstadt mit größtenteils geschlossenen (seit einer Woche ist wohl wieder Schule) und heruntergekommenen Promenadeneinrichtungen. Morrisseys Stimme singt in meinem Ohr ...Seaside town, that they forgot to bomb down, come come nuclear bomb... Nur der kleine Spielplatz-Freak kommt auf seine Kosten. Hier gibt es sogar mal wieder Kinder. Zum Glück wird es auf dem zweiten Teil der Route südlich von Ayr sowohl landschaftlich als auch von den Küstendörfchen her wieder etwas besser, es gibt Tearooms und Whisky Centres und weiße Fassaden und wir finden kurz vor Ballantrae einen kleinen Parkplatz hinter Büschen direkt am Wasser. Hier ist ein Mahnmal für ein gesunkenes (versenktes?) russisches Kriegsschiff. Die Aufschrift in Russisch und Englisch, zeigt mal wieder, wie sonderlich militaristisch die Briten so drauf sind. Sie feiern die Russen, weil sie sich im Russisch-Japanischen Krieg nicht ergeben haben, sondern kaputtschießen ließen. Das Schiff wurde versenkt, dann wieder gehoben, dann sollte es in Britain wieder aufgebaut werden und dann kam die Oktoberrevolution und dann wollten es die Russen nicht mehr wiederhaben. Also wurde es – bestimmt versichert – irgendwo hier vor der Küste Schottlands versenkt. Keine Ahnung, woran hier gemahnt werden soll. Den Mut der Russen, irgendwie. Rätselhaft, diese Briten.
Für uns eher nachzuvollziehen: Auf den Felsen in der Bucht liegen Robben und chillen. Es ist schön hier. Unsere letzte Nacht in Schottland. Morgen geht es bei strahlendem Sonnenschein mit der Fähre von Cairnryan nach Larne. Und dann checken wir Irland ab.