Wir sind mal wieder unterwegs. Diesmal wollen wir den Norden erkunden. Nach längerem hin und her beschränken wir uns auf Schweden. Mit an Bord: ein einjähriges, ein dreijähriges, zwei ziemlich fertige vierzigjährige und ein schwarzes Wufflon. Hobo hat einiges an Überholung hinter sich und einen noch immer unerklärlichen massiven Wassereinbruch, der sich deutlich schlimmer als sonst in Dach und Schränken zeigt. Wir hoffen, bergeweise Epoxidharz und all die reingesteckten Stunden haben die Ursache beseitigt und wir kommen trocken durch. Unsere Tour beginnt mit einer überraschend günstigen spontanen Fährfahrt von Rostock nach Trelleborg. Stenaline ist diesmal perfekt, Hobo steht, zwischen zahlreichen anderen WoMos, auf dem Außendeck, Hunde dürfen mit an Bord genommen werden und es gibt für die Kids ein Bällebad mit Rutsche. Unsere sind damit durchaus für sechs Stunden zufrieden. Rocky schaffen wir nach einer Weile zurück in Hobo, ihm ist das Hin und Her und die anderen Hunde zu stressig und er darf nicht mit in den Spiel- und Restaurantbereich. Das Essen an Bord ist teuer und meh aber egal. Um 17 Uhr erreichen wir Trelleborg. Der Große erlebt voll Spannung die Ausfahrt auf dem Beifahrersitz und will jetzt aber endlich sein Eis. (Wir vertrösten ihn schon seit Tagen auf Schweden, da gebe es Strand und Meer und Eis. Deshalb fragt er schon auf allen Etappen "sind wir jetzt in Schweden? Ich will jetzt aber ein Eis!").
Für unsere erste Übernachtung haben wir im Internet die Koordinaten einer Reisenden übernommen - noch wissen wir nichts von den Apps, mit denen man heutzutage reist, dazu später mehr - aber entweder sind die Koordinaten falsch, oder sie hat zwischen Häusern gecampt. Wir also weiter an der Küste entlang und bumm, erste "ach, so läuft das in Schweden"-Erfahrung: unser erster kostenloser Campingplatz. Ein Stück Wiese, voll geparkt mit vielleicht 25, 30 WoMos, direkt am Meer. Drei Meter weiter öffentliche Toiletten, eine Fischräucherei, Sehenswürdigkeiten. 😮
Wir stecken traditionsbewusst unsere Füße ins Wasser, schauen uns alles an und genießen unsere erste Nacht in Schweden. Ich sollte noch erwähnen, dass wir wie üblich so wenig Vorbereitung wie möglich investiert haben, um das Land so unvoreingenommen wie möglich zu erkunden. Erst auf der Überfahrt haben wir uns ein wenig in Geschichte und Politik eingelesen und uns mal die Karte angeschaut, wo wir denn eigentlich so hinwollen. Und als uns bewusst wurde, also so richtig bewusst, wie gewaltig groß das Land ist, beschließen wir erst einmal, gar nicht erst zu versuchen, bis ganz nach oben zu kommen. Wir wollen mit den Kids keine Fahrtage einlegen, und lieber nur die Mittagsschlafe zum Fahren nutzen. Und dann schauen, wohin es uns verschlägt, oder ob wir irgendwo bleiben wollen. Wir tippen auf Östersund als unseren nördlichsten Punkt.
Unser erster Eindruck am nächsten Tag entspricht unserer Bilderbuchvorstellung von Schweden. Das Meer liegt ruhig und malerisch, neben uns Ponys auf der Weide, die Wiesen blühen. Wir fahren weiter die Südkuste entlang nach Ystad, denn wir haben noch immer keinen Cent Geld. Also Cents schon, aber keine Kronen. In Ystad parken wir hinter dem Bahnhof und bummeln ein wenig herum, ins Turist byro, das macht grad zu, in den Hafen, da gibt es vielleicht 10 Personen, die Fußgängerzone entlang zum Bäcker, der macht grade zu. Auf dem Markt an der Kirche (alles selbstverständlich sehr malerisch) stehen ein Blumenstand, eine Würstchenbude, ein Fischverkäufer und eine Eisbude. Wir gönnen den Kids ihr versprochenes Eis und sie werden zu gierigen, schokoverschmierten Maniacs. Ich will eigentlich lieber zum Fischverkauf, aber der fährt just in diesem Moment weg. Samstag nachmittag, 15 Uhr. Alles macht dicht, keiner muss jetzt mehr arbeiten (außer die großen Supermärkte, die immer offen haben, aber das ist für uns jetzt erst mal noch nicht von Bedeutung). Ruhe kehrt ein in Ystad, jeder, der jetzt noch unterwegs ist, bummelt rum. Wir fühlen uns pudelwohl. Ydtad ist übrigens die Stadt der Wallander-Krimis,aber so genau forschen wir diesbezüglich nicht nach, da mir Krimis meist zu Schematisch sind und ich nicht genug zum Lesen komme, um zeitgenössische Populärliteratur auf die Leseliste zu nehmen. Das wird sich aber auf dieser Reise noch ändern.
Wir bummeln noch zum Kloster und dann wieder gen Hobo. Ein schöner Tag.
Wir fahren noch ein bisschen weiter gen Osten, durch ein malerisches Land, das aussieht wie Bilderbücher und Kindheitssommer. Wir werden noch nostalgisch. Hinter Ystad ist Camping nur auf Zeltplätzen, wir müssen also noch ein bisschen suchen und finden einen schönen Parkplatz. Er liegt an einem Truppenübungsplatz, wo man nur kurz über einen gewaltigen Hügel muss und schwupp ist man an einem Sandstrand, ganz allein. Wir hoffen, wir haben die Schilder richtig interpretiert, und die angeschlagenen Termine sind die mit Übungen und nicht die, an denen man das Gebiet sicher durchqueren kann. Alle fahren auf ihren Strandtag ab und wir können gar nicht fassen, wieviel Urlaubsgefühl in so einen einzelnen Tag hineinpassen. Die Kids schlafen wieder nicht vor halb zehn ein. Wir schauen noch kurz der Sonne beim Abgang zu und dann legen auch wir uns hin. Dieser Rhythmus wird uns trotz allem Bemühens nicht mehr verlassen, und unsere mitgebrachten Schreib- und Arbeitsprojekte werden tatsächlich keinen Platz finden...
Wir setzen unser Urlaubsfeeling mit Strandfreuden fort, unterhalten uns ein wenig mit den Locals, die hier ihre Hunde ausführen, und stellen fest: Nicht nur sieht die Landschaft aus wie ein Bilderbuch, alte Männer sehen aus wie Nordkvists Petterson, junge Familien wie alle kindheitsnostalgischen Fernsehserien, an die man denken kann. I like patterns.
Die Kids genießen das Entdecken und Buddeln und den Sand. Wir finden es auch toll, aber wir erinnern uns ein wenig sehnsüchtig an am Strand sitzen, aufs Meer schauen, gelegentlich mal quatschen, Nichtstun. Haha, that's done with.
Zum Mittag kehren wir zurück und essen Streichbrote und dann wird gepackt und die erste längere Etappe gen Norden angetreten. Die Kids schlafen schön und wir suchen einen See, irgendwo auf dem Weg nach irgendwo. Wir haben noch immer keinen Plan und keine Lust auf Routen ausm Netz oder Tipps von Freunden, die schon mal in Schweden waren. Stattdessen fahren wir einfach und suchen uns was und ich weiß nicht mal wie der See heißt oder die Region. Unser Reiseführer richtet sich eher an Stadttouristen, touristische Dinge wie Museen oder Kinder-Entertainment wie der Astrid-Lindgren-Park lohnen sich erst mit größeren Kindern und so ist ungeplantes Naturerkunden für uns der beste Weg. Wir finden also einen Badplats, so heißen hier die zugänglichen Stellen an den Seen, mit Parkplätzen und Klos, und die sind oft auch wirklich gute Übernachtungsoptionen... Dieser hier hat eine Rutsche im See und es ist tolles Badewetter. Die Kids wollen gar nicht mehr raus und müssen blau und zitternd rausgetragen werden. Das Camping verboten Schild ignorieren wir großzügig, wir parken ja nur. Abends kommt noch ein Deutscher mit seiner Erwachsenen Tochter im VW Bus, und wir gesellen uns an ihr Feuer. Die bestätigen uns auch die Badplatse als gute Übernachtungsoptionen und überlassen uns ihren Zunder, weil es ihre letzte Übernachtung in Schweden ist. Sie waren innerhalb von 16 Tagen ans Nordkap und zurück gedonnert. Klar, Nordkap ist schon spannend, aber was hat man denn von einer Reise, bei der man den ganzen Tag Meilen auf den Tacho kloppt?
Wir lassen uns Zeit...
Wir frühstücken entspannt am See, schwimmen und rutschen, und alles ganz ohne Menschen. Nach einem kurzen Spaziergang ist es auch schon wieder Mittag, dann machen wir Meile nach Jönköping (sprich: Jönschöping). Es ist eine hübsche moderne und grüne Stadt am Vättern-See, sehr gut befahrbar, vom Auto aus erkundbar. Wir spazieren ein wenig im Zentrum herum, gehen einkaufen, und suchen einen Nachtplatz am See. Die Stadt fühlt sich zugleich gemütlich-klein und lebhaft-groß an. Später erfahren wir, dass es zwischen Jonköping und Nyköping (sprich: Nyschöping) so eine typische Städtekonkurrenz gibt, bei der Jonköping immer etwas im Hintertreffen war, und erst mit der Gründung der Uni so richtig aufgeholt hat. Das Studierendenleben merken wir besonders am Strand zum Vättern-See, ein herrlicher Sandstrand mitten in der Stadt. Wir stehen auf einem normalen Parkplatz, auf dem es zwei WoMo-Parkbuchten gibt und man einfach 24h stehen kann. Schweden ist so einfach. Direkt am Parkplatz verläuft eine Zugstrecke und die kids beobachten begeistert die Züge. Trotzdem ist nachts Ruhe, das ist toll. Abendessen gibt's mit dem Campingkocher am Strand, wir beobachten Boote und Studis, und widmen uns dann wieder unserer dreistündigen Abendroutine.
Wir kehren zum Vättern-See zurück, frühstücken, planschen ein bisschen (für eine Kompletteintauchung ist der See zu kalt), und chillen. Leider sind Hunde am Strand verboten und ein alter Mann regt sich über unser Wufflon auf, das gemütlich unter einem Strauch liegt. Also spazieren wir lieber ein bisschen am Ufer entlang. Da treffen wir einen anderen Typen, der voll aufs Wufflon abfährt. Er sagt, ach, lasst den doch laufen das stört hier keinen. Es gibt auch hier von allen Sorten.
Wir kommen an einen Spielplatz und dann ist der Rest des Programms klar. Wir picknicken noch ein bisschen zu Mittag und dann machen wir uns wieder auf die Reise, durch den Wald und herrliche glaziale Felsformationen und vorbei am Industriegürtel nach Nyköping und Oxelösund an der Osten. Hier haben wir ein Festungssymbol auf der Landkarte gesehen und hoffen (uninformed as we are) auf eine Festung oder eine Wikingersiedlung, aber es ist eine nukleare Abwehranlage aus dem kalten Krieg. Um einen Blick auf die umliegende Schärenlandschaft zu gewinnen, muss man noch relativ weit laufen. Wir toben durch den herrlichen Wald, der das Wufflon und die Kinder beglückt, aber wir kommen nicht wirklich bis zum Ausguck. Die Kleine will nicht mehr getragen werden und läuft wie eine Irre, klettert auf alle Felsen und kennt keine Furcht. Außerdem piesackt sie gerne den Großen und ist ein kleiner frecher Troll. Auch der Große experimentiert mit Verweigerung und Protest und fordert uns massiv. Das wird auf der Reise für uns das Schwerste.
Nach unserer Wanderung im Wald suchen wir den WoMo-Stellplatz der ausgeschildert war, aber es bleibt uneindeutig und so kehren wir auf den Parkplatz im Wald zurück und gönnen uns leckere Wraps mit Salat und Falafel. Das wird eins der wiederkehrenden Essen, das alle glücklich macht.
Wir frühstücken auf den Felsen über dem Meer bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Rocky badet sich müde. Die Kids kriegen vom Klettern nicht genug. Sie sind so mutig, aber leider ist das alles ein bisschen gefährlich wegen der Absturzgefahr und so sind die Zeiten, in denen man schweigend und genießend aufs Meer schaut, erstmal vorbei.
Nach dem Frühstück “wandern” wir noch ein paar Meter, auch wenn das vielleicht das falsche Wort ist, man kommt ja nicht wirklich vorwärts, wenn man jedes Blümchen und jede Ameise inspizieren muss. Ach, es ist toll, der Wald ist magisch. Dann fahren wir einkaufen und lunchen auf dem Supermarkt-Parkplatz. Und dann brettern wir durch nach Stockholm.
In Städten suche ich unseren Parkplatz üblicherweise am Parkeingang, da wird man oft fündig. So auch in Stockholm, neben einer Baustelle und, wie sich später herausstellen wird, direkt neben dem Eingang zum Stockholmer “Campingplatz”, einem Parkplatz für 33 Euronen die Nacht. Das sparen wir uns lieber. Wir haben auch Nachbarn, zwei VWBus-Camper, die wir schon auf unserem ersten Spot bei Trelleborg getroffen haben. Wir bequatschen mit den Bauarbeiten, dass es ihnen egal ist und beschließen, einfach zusammen da am Bauzaun stehen zu bleiben. Dann kaufen wir uns eine 24h-Karte für die öffentlichen und fahren mit der U-Bahn in die Stadt. U-Bahn-Fahren ist für sie kids schon das erste Highlight. Und da Stockholm eine Stadt aus tausenden Inseln ist, fährt die U-Bahn zwischen den Inseln auch noch überirdisch, so dass wir schon einen Eindruck von dieser wunderschönen Stadt bekommen. Wir erkunden noch ein bisschen die Altstadt und suchen uns dann ein Restaurant. Leider haben wir kein gutes Händchen und essen teuer und schlecht (Dose auf, Mikrowelle an). Egal, die Stadt fühlt sich lebhaft, bunt und freundlich an, und viele Menschen lächeln. Die Kids stehen auf den Trubel und brauchen wie immer bis halb zehn, bis endlich Ruhe ist. Danach quatschen wir noch bis halb eins mit den Nachbarn, eine Uhrzeit, die wir Eltern absolut nicht mehr gewohnt sind.
Nach einem entspannten Start in den Tag wollen wir zu einer größeren Stadttour aufbrechen, aber da fällt die Kleine leider vor lauter Unsinn mit dem Gesicht zuerst aus der Hobotür. Erst sah es ziemlich übel aus, aber als Blut und Tränen getrocknet waren, hatte es nur zwei kleine Ecken aus den Zähnchen erwischt und Kiefer und Schädel waren OK. Sie hat den Rest des Vormittags schlafend in der Trage verbracht und wir konnten also aufbrechen. Mit den Tagestickets, die zwar mit nem Zwanni p. P. recht teuer waren, können wir auch die Boote zwischen den Inseln nutzen und so machen wir recht preiswert eine ganztägige Stadtrundfahrt durch diese wunderschöne Stadt bei strahlend blauem Himmel. Wir picknicken zwischen Gänsen auf der Insel mit dem größten städtischen Nationalpark der Welt und genießen Stockholm bei strahlendem Sonnenschein. Halb 5 läuft unser Tagesticket aus und halb 5 sind wir zurück. So passt es doch. Den Rest des Tages verbringen wir auf dem Spielplatz. Man könnte meinen, die Jungschen wären nach dem Tag müde. Aber sie schlafen doch erst wieder ab um zehn.