Dies sind die Hintergründe meiner Reise nach Aotearoa.
Warum gehe ich überhaupt weg? Fernweh. Stetig. Unauslöschbar. Beunruhigend.
Warum nun ausgerechnet Neuseeland? Wie immer ist das Beantworten solcher Fragen zugleich leicht und schwer. Möchte eigentlich am liebsten ein Weltreisender sein, der alle Orte sehen kann. Und während viele meiner Freunde und Bekannten sich aufmachten und herumreisten, wartete ich auf den Moment, da ich das Reisen mit meinem Freund würde teilen können, wartete auf den Moment, zu dem ich genug Geld hätte und unbekümmert würde aufbrechen können, wartete, dass mich jemand fragen würde, ob ich sie/ihn auf einer Asienreise begleiten möchte ...
Ich habe während des Studiums nicht schlecht gelebt, aber ich habe immer nur gejobbt, um das nächste Semester finanzieren zu können, nie genug, um mir ein Aroundtheworld-Ticket leisten zu können. Warum weiß ich heute nicht mehr. Zu faul, zu feige, mich allein aufzumachen, zu unreif. Ich weiß es nicht. Und auf der einen Seite habe ich meine reisenden Bekannten beneidet und auf der anderen Seite träumte ich lieber, statt selbst mich aufzumachen. Asien war mir zu heftig, ganz allein. Australien war mir zu "in". Klar wollte ich wennschondennschon ganz weit weg. Aber jeder fuhr nach Australien, also "wenn dann fahre ich nach Neuseeland". Und so habe ich irgendwie dieses Land jahrelang als Reiseziel in meinem Herzen getragen, während es immer mehr "in" wurde dahin zu reisen, während immer mehr Leute die ich kenne dort waren, habe ich mich darauf gefreut, dort irgendwann ein wenig Zeit zu verbringen. Und dann musste das Studium endlich mal abgeschlossen werden, und dann sollte man direkt nach dem Studium vielleicht arbeiten, damit man im Lebenslauf strebsam und zuverlässig und nicht orientierungslos und freitsheitsdränglerisch aussieht, und dann muss man ja auch erstmal eine Weile arbeiten. Und so nähere ich mich nun dem Ende meines dritten Jahrzehnts, bevor ich mich aufmache, den beinahe zehn Jahre gehüteten Traum in die Tat umzusetzen. Ich gebe natürlich zu, dass ich, obwohl neidisch auf die Weltreiser trotzdem nicht ganz und aussschließlich in Leipzig war, immerhin habe ich es auf ein Jahr in Frankreich und einige kürzere Reisen gebracht, sodass ich von den Million Places zumindest schon mal eine handvoll gesehen habe. Aber das Fernweh ist niemals still.
Nun, ich wollte also mal wieder raus. Auch aus Europa. Aber vielleicht auch irgendwohin, wo der Kulturschock nicht ganz so heftig wird. Und ich meine jetzt Kulturschock auf der Ebene, die dir auch schon in der nächsten Region geschehen können. Und am liebsten natürlich irgendwohin, wo ich bereits die Sprache kenne, so dass ich von Anfang an auch arbeiten kann. Von hier aus kann ich dann immer noch weiterziehen, dahin, wo mir Sprache und Kultur fremd sind. Aber dazu muss ich schon erst einmal herausfinden, ob ich nicht auch mal Heimweh habe, zur Abwechslung vom Fernweh...
Nun war also irgendwie Neuseeland nicht mehr so exotisch im Sinne von "wenige Bekannte waren schon dort", aber doch immer reizvoll auf Grund des Faktes, dass ich streckenmäßig nicht sehr viel weiter weg sein kann von zu Haus als dort, zumindest, solange ich auf diesem Planeten bleibe. (JA! ich nehme das Ticket für die Reise zum Mond!) ("Na, Fernweh, wohin willst du mich jetzt treiben, wenn "ferner" gar nicht geht?!"). Dazu kommt natürlich, dass Neuseeland der Inbegriff von Mittelerde auf Erden wurde, und nachdem ich mich jahrelang nach Lorien träumte, hätte ich jetzt die Möglichkeit, ein Lorienpendant tatsächlich aufsuchen zu können. Zugegebenermaßen belege ich damit das Land mit mehr Fantasie als ihm gut tut, aber ich werde mich sicherlich auch mit dem Realen auseinander setzen und nicht nur den Fantasieort suchen.
Aber nach wie vor stand all dies nur in meinem Kopf. Und dann wurde mir immer mehr klar, dass ich all die Jahre einem recht deutlichen Weg gefolgt bin. Familie - Schulabschluss - Studium direkt danach - vorgesehenes Auslandssemester - Studienabschluss in nicht (hüstel) allzuviel mehr als der Regelstudienzeit - klare Vorstellungen, was ich mit dem Studienabschluss würde machen können - Erste Anstellung als Übersetzerin bei einer Firma, bei der man theoretisch alt werden könnte. Moment mal! Bin ich das?! Ja, es ist war, ich bin ein zielstrebiger, realitätsverwurzelter, karriereinteressierter Bürger. Nein, ich bin auch soviel anderes! Fernweh, Freiheitsdrang, ich muss hier noch mal raus, bevor mich mit dreißig auch noch der Familiensinn und die Sesshaftigkeit überkommen. Und so beschloss ich, dass ich nicht in meiner ersten Anstellung bis ans Ende meiner Tage bleiben würde, dass ich noch anderes ausprobieren müsste, und dass jetzt wohl die vorerst letzte große Gelegenheit zum Aufbruch, zum Weggehen, zum "Auswandern" ist. (Auswandern war für mich schon immer weniger ewig als es wohl für die meisten anderen Deutschsprecher klingt, denn ich kann mir einfach nichts im Leben für länger als eine handvoll Jahre vorstellen. Daher gilt für mich auch das für die nächsten zwei Jahre gedachte Landverlassen als Auswandern.) Als sich dann noch rausstellte dass das Neuseeländische Studi- und Backpackervisum noch bis zu meinem 30. gilt, hieß das Jetzt oder Nie.
Und so habe ich mal online auf der NZ-Immigration-Website einen Visumsantrag gestellt. Und - es haut mich immer noch vom Stuhl: Ohne, dass ich denen irgendwas schicken oder faxen musste (Kontoauszüge, Passkopie ...) hatte ich innerhalb von 24 h ein Visum zum Ausdrucken! Also Job kündigen, ein bisschen AuslandsKKV beantragen, Flug buchen und los gehts.
An diesem Punkt sollten alle meine Pläne enden.
Ok, ich buche noch ein Hostel für die Jetlegwoche. Aber dann will ich einmal in meinem Leben nicht wissen, was ich als nächstes mache. Nicht wissen, ob ich in diesem Beruf bleibe oder mir was ganz anderes suche, nicht wissen, wann ich zurückkomme oder wie ich meinen Liebsten überreden soll, mir nachzukommen, nicht wissen, wohin es mich als nächstes verschlägt.
Einfach alle offen haben...
Tuesday, October 16, 2007
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