Unsere Dublin-Tour beginnt mit einem bösen Unglück: Mir fallen zwei Tassen frisch aufgesetzter Tee drüber und ich verbrühe mir den rechten Arm und das rechte Bein. Zum Glück nur teilweise und so schaff ich das mit meiner Hausapotheke. Daher übernimmt der Gute den Rest der Tour gen Dublin durch die Mitte Irlands (N4). Hier gibt es nur Zivilisation und weder Viewpoints noch Views. Der einzige Aussichtspunkt unterwegs ist mal wieder höhenbeschränkt und so haben wir sogar Schwierigkeiten, einen Ort fürs Mittagspäuschen zu finden. Als wir einen Spielplatz in der Nähe entdecken, halten wir an, um dem Kleinen eine Pause zu gönnen. Wir stehen unter einem grauen Betonbau, der irgendwie sehr trostlos aussieht. Auf dem Weg zum Spielplatz lesen wir die Aufschrift. Es ist eine Kirche. Hier gibt es so viele Kirchen und selbst die nicht sakral aussehenden Gebäude entpuppen sich als Gotteshäuser. Also wie gesagt, ein schöner Spielplatz. Wir haben ihn ganz für uns allein, es regnet. Uns gefällt das, da können wir den schwarzen Racker mit auf den Spielplatz nehmen, aber der Kleine ist schon unglücklich, dass er nie Kinder trifft. Es gibt echt auffällig wenig Kinder unterwegs, die sind entweder ganztägig in der Schule oder halt zu Hause. Und unbeaufsichtigt sowieso nirgends, nicht mal auf Dorfstraßen.
Also jedenfalls kommen wir als nächstes nach Dublin und umrunden es erst mal auf der Umgehungsautobahn, aber leider gibt es kein einziges Park&Ride-Schild. Wir wählen per Zufallsprinzip eine Ausfahrt im Süden und kaum sind wir runter, steht da P&R. Die sind doch blöd hier. Irish Signing! Wir parken also und gehen dann mit den Rackern spazieren, um unsere Infos für morgen zu sammeln. Es ist eine Tram, die uns in die Stadt bringen wird. In der Tram sind Hunde verboten. Echt nicht hundefreundlich, Irland. Wir spazieren dann durch das Viertel, in dem wir parken (Carrickmines), und bewundern die riesigen Villen, die sich uns hier darbieten. Das ist doch mal sozialer Wohnungsbau. Am Abend chillen wir auf dem Parkplatz.
Am nächsten Tag nun beginnen wir also unsere Dublin-Erkundung - ohne Wuffel - in der Südstadt: St. Stephen's Green, Fußgängerzone (sieht – wie sollte es auch anders sein – aus, wie jede andere Fußgängerzone in jeder anderen europäischen Innenstadt), Trinity College mit Science Gallery und Lincoln Place. Die Wissenschaftsausstellung beeindruckt uns sehr, sie dreht sich um das Sehen/Erkennen im Vergleich Mensch-Computer, inkl. Visualisierungen von KI und drei zeichnenden Robotern. Geiler Scheiß. Danach sind wir leider erschöpft, sonst hätten wir gern noch die Kunstgallerie mitgenommen, die auch kostenlos ist (eine ganze Reihe der Museen in Dublin verlangen keinen Eintritt, das hat uns sehr beeindruckt). Wir erholen uns erst mal im Starbucks (mein zweites Mal ever und nur, weil es in der Nähe keine Cafés mit leckerem Gebäck (Mama braucht was Süßes) gibt) und schreiben Postkarten. Danach bummeln wir noch ein bisschen , es ist eine schöne lebhafte Stadt mit unzähligen Pubs und unzähligeren Touristen, leider ohne umfassende Info zum ÖPNV, nicht mal in der Information. Aber mit dem wenigen, was die wussten, und ein bisschen Internet haben wir uns für den nächsten Tag auch schon mal einen Plan ausgedacht. Von unserem P&R aus war es nämlich fast eine Stunde Tramfahrt bis in die Südstadt, und morgen ist ja Nordstadt geplant und die Verbindung von Luas (Tram-Unternehmen) und dem städtischen Busverkehr ist leider nicht existent (weder in Haltestellen noch in einem gemeinsamen Tagesticket o.ä.), also positionieren wir uns morgen dann erst mal um. Ein weiteres Manko in touristischer Expertise: Dublin nennt sich selbst Literaturstadt und preist seine Dichter. Aber in der Information wussten sie lediglich von einer einzigen Bloomsday-Tour und die findet nur an Wochenenden und nur um 13 Uhr statt. Das hatten wir natürlich verpasst. Aber schon ein bisschen wenig. Es gab auch keine Karte für Fans mit Stellen aus dem Buch (obwohl es wohl überall in der Stadt Plaketten geben soll) oder auch nur eine, die das Joyce-Zentrum, das Literaturmuseum und den Joyce Tower angezeigt hätte. We are not impressed. Nun gut, der Wuffel wartet, also heim zum Parkplatz und raus mit dem Racker.
Am zweiten Dublin-Tag parken wir also mit unseren hart erkämpften Informationen erst einmal um, um statt auf der grünen Luas-Linie auf der roten Linie zu starten, die uns in die Nordstadt bringt. Unser neuer P&R liegt im Viertel Red Cow (warum das so heißt, muss ich erst mal googlen (wir haben kaum noch Internet, comments welcome)) und dank der bescheidenen Beschilderung und idiotischen Verkehrsführung verfransen wir uns erst mal ne Runde von ca. 50m vor dem Parkplatz. Aber egal, es lohnt sich, denn erstens sieht man auf der Red Line noch ein bisschen mehr von der Stadt und auch einen malerischen, älteren Teil. Wir steigen an der Abbey Road aus, bummeln ein bisschen, besuchen das historische Postamt, das mich sehr an Pratchetts Going Postal erinnert; das sich selbst – und uns – aber vor allem an 1916 (Easter Rising, look it up) erinnern soll. Der Unabhängigkeitskampf ist überhaupt hier überall Thema, und es dauert fast den ganzen Tag, bis uns endlich klar wird, warum gerade das so besprochen wird: „Hey, es ist 2016, das ist das Hundertjährige. Aber dafür, dass sie das da so thematisieren, hätte man vielleicht die Komplettsanierung der gesamten Innenstadt vielleicht auf ein Jahr früher legen können?“ Ungelogen, es sind sämtliche Straßen aufgerissen, man kann keine einzige Sehenswürdigkeit ohne Baustellenzäune oder -fahrzeuge fotografieren. Selbst der Easter Rising Gedenkpark wird gerade bepresslufthämmert. Auch The Spire (Fotos folgen, höchstes Denkmal der Welt oder so) ist von Bauzäunen umgeben. Nun ja, was will man machen, wir kehren mal im Parnell Heritage Pub am Parnell Place auf FishnChips ein und genießen die Rooftop Bar ganz für uns alleine. Danach verdrücken wir uns ins Writers Museum und lernen alle nennenswerten irischen Autoren kennen. Es schwirrt einem zwar danach der Kopf, aber das kriegt definitiv eine dicke Empfehlung von uns. Tolles Gebäude, super Ausstellung, und wir gehen mal wieder mit ner langen Leseliste nach Hause. Wichtigste Information, die wir mitnehmen: Alle wirklich bekannten Autoren (jetzt mal abgesehen von der Heimatliteratur und den auf irisch schreibenden) haben Irland aus dem einen oder anderen Grund verlassen. Joyce hat nach Dubliners ALLES in der expliziten Abkehr zu Irland geschrieben. Oscar Wilde gilt nicht einmal als irische Literatur, und wusstet ihr, das Bram Stoker Ire war? Und jetzt schmückt man sich mit den großen irischen Autoren... Und bei allen ging es in der ein oder anderen Form um Religion und „was sich gehört“ bzw. „was man darf“, selbst bei den politischen Autoren, die über die Nationsbildung o.ä. geschrieben haben. Ach, für immer weiter studieren dürfen und Irish Studies ranhängen... (Ich würde noch so viel studieren, wenn man einfach an der Universität in irgendwelche Kurse gehen dürfte und fertig. Wie gesagt, Mäzen gesucht.)
Nun ja, also nach der Literatur spazieren wir weiter durch die Nordstadt und zum River Liffey (das ist die mentale Trennlinie zwischen Nord- und Süd-Dublin). Im Viertel Temple Bar trinken wir einen Kaffee und Naschen was kleines in einem hübschen kleinen Café. Dass das hier das beliebteste Viertel der jungen Gäste ist, verwundert nicht, kleine hübsche Gässchen und ein Pub am anderen, dazu alternative Shops und so. Der Kleine hat nen Sugar Rush und tobt sich auf dem Heimweg so richtig aus. Lacht und rennt und zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich. Darf man mit dem Hut rumgehen und sich die Cuteness seines Kinds bezahlen lassen? Wir machen uns auf den Heimweg und gönnen den Rackern noch ein bisschen Abendausgang. Echt ein schöner Tag.
Da wir den Wuffel keinen dritten Tag alleine lassen wollen, muss es das soweit gewesen sein. Aber wie gesagt, sind Stadturlaube mit Kleinkind und Hund und ohne Pub- und Restaurantbesuche sowieso sinnlos, also machen wir uns am nächsten Tag leichten Herzens wieder gen Westen auf. Wir nehmen eine andere Route und steuern ein paar der „Sehenswürdigkeiten“ auf unserem Autoatlas an. Kaum sind wir aus Dublin raus, blinkert wieder mal Hobos Amaturenbrett und plötzlich geht der Motor aus. Wir erinnern uns, das hatten wir schon mal, kurz nachdem wir einen Dämon aus Boleskine-Haus mitgenommen hatten. Der hat sich seitdem aber ruhig verhalten, daher kommt das jetzt doch überraschend. Andererseits zu einem guten Zeitpunkt, ich hab genau genug Schwung, um auf eine Tankstelle rauszurollen. Schlaues unter die Motorhaube gucken und an Kabeln ruckeln, gibt uns keine Auskunft, also spreche ich ein paar Arbeiter an, ob sich einer mit Motoren auskennt. Das ist ja das gute an einem alten Auto, man braucht keinen Computer und keine Werkstatt, um Fehler zu finden und das ein oder andere zu beheben. Es findet sich einer, der mal unsere Batterie checkt – ist voll, heißt Lichtmaschine ist ok (puh!) und alle Sicherungen durchgeht (alle i.O. - das hatte ich auch gemacht, aber nicht gewusst, woran ich sehe, wenn was nicht i.O. wäre) und nix. Einfach keine Elektrik da. Da muss irgendwo ein loses Kabel sein. Wir ziehen an allen Kabeln die wir finden und plötzlich klick klack aha was ist das einen kleinen Moment bitte schnipp schnapp schau ich mach dir hier einfach mal ne neue Listerklemme rein und tada! So eine geile Scheiße. Tausend Dank, Adrian! Er will keinen Kaffee ausgegeben haben und geht einfach wieder an seine Arbeit. Und wir fahren weiter. Mit einem Wackelkontakt weniger. Die Hupe geht leider immer noch nicht, aber das hat man von Adrian ja jetzt auch nicht erwarten können.
Wir kommen nach Tullamore – ein sehr hübsches Städtchen und wie wir wissen auch ein leckerer Whisky. Laut unserer Karte gibt es in der Nähe den Charleville Forest, den wir erst vergeblich suchen und dann hinter Mauern als Bestandteil der Charleville Castle Grounds finden. Wir spazieren so lange der Kleine mitspielt und picknicken dann in einer herrlichen riesigen Eiche. Das Castle ist ein richtiges Märchenschloss und wird wohl gerade erst so richtig für den Tourismus hergemacht. Falls jemand ne Filmkulisse sucht, ich würde dort mal nachfragen.
Dann geht’s weiter gen „Clonmacnoise National Monument“ - mal sehen was das ist. Die Straßen sind entsetzlich schlecht und das Signing mal wieder sinnlos. Entweder es gibt keine Brownsigns, oder es stehen 15 klitzekleine Brownsigns mit jeweils 4 Zeilen Text direkt auf einer Kreuzung (auf einer 100kmh-Strecke). 14 davon sind dann meist B&Bs und Community Centers und was nicht alles, eines weißt nach Clonmacnoise, heißt aber anders. Aaargh. Nun ja, in Shannonbridge (mit einer einspurigen! Brücke über den Shannon) gibt es eine Information und wir fragen mal. Ja, es lohne sich, dahin zu fahren, es ist eine Landschaft aus Kirchen, Kathedralen und Klöstern, die bis in die frühchristliche Epoche zurückreicht. Was das mit National Monument zu tun hat, verstehen wir zwar nicht und noch mehr Kirchen interessieren uns zwar eigentlich auch nicht, aber da wir einen Schlafplatz suchen und es dort Public Toilets und Tea Rooms geben soll, checken wir es doch mal aus. Wir werden begrüßt von No overnight Parking, dann einer Höhenbarriere und sehr unfreundlichen Gesichtern, als wir dann halt am Straßenrand parken. Und dann ist das gesamte Gelände – Ruinen und Grabstätten, selbst der Zugang zum Fluss – komplett hinter Mauern, die Public Toilets und Tearooms sind nur für Leute mit Ticket zugänglich und die Ticketpreise reichen uns auch schon wieder. Uns will man hier nicht, das ist eindeutig. Also fahren wir weiter.
Jenseits des River Shannon folgen wir einem Brownsign zu einem Fishing Spot. Die Straße wird immer enger und enger, Hobo wird von Ästen zerkratzt und kein Fluss in Sicht, schon gar kein Fishing Spot. Wir halten auf einem kleinen Platz unter einem Felsen und erkunden den Rest zu Fuß. Der Weg endet hundert Meter weiter an einer Weide. Kein Fluss, nichts. Aber wenigstens ein Schlafplatz inmitten von Weiden und Feldern, d.h. viel Platz für entspanntes Spielen mit den Rackern. Wir fragen einen Local am nächsten Tag, der uns verrät, dass der gesuchte Fishing Spot zwei Kilometer weiter die Hauptstraße runter gewesen wäre. Das Brownsign war einfach an einer falschen Stelle...
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