Saturday, September 10, 2016

Hobo goes to the UK and Ireland * - Auf der grünen Insel – Nordhalb


* Stupid Google Photos hat leider grad mein Album gefuckt. Ging ja eh seit Mitte August nicht mehr. Fotos gibt's also erst hinterher, sobald es geht.)

Unsere Überfahrt zu den Paddys ist ereignislos. Irgendwie sind wir durch, wir sitzen nur herum und machen nicht mal ein Foto. Nach der Ankunft vollenden wir unsere 4000 km und fahren erst mal von Larne gen Norden die Küste entlang; einen richtigen Plan haben wir nicht. Da sowohl wir als auch Hobo einer dringenden Reinigung bedürfen, suchen wir erst mal einen Campingplatz. Das
Wetter ist noch immer strahlend blau und die Küste ist wunderschön. Weiße Felsen, pittoreske Dörfchen, Nordirland zeigt sich malerisch. Nur kleine, nicht zu teure Zeltplätze gibt es nicht am Meer. Also folgen wir einem Tipp und fahren landeinwärts. Hier werden wir fündig im Glenariff Forest Park im „Queen of Glens“. Alles neu gemacht, rundrum Wald und Berge, in der Ferne
leuchtet das Meer, und nebst uns nur fünf weitere Camper hier. Hier halten wir erst mal drei Tage inne, einen zum Spielen, einen zum Putzen und einen zum Wandern. Schön haben sie es hier gemacht, alles mit Bretterwegen ausgebaut, Wasserfälle für uns und Brücken und Treppen für den
Kleinen. Der liebt nämlich Brücken und Treppen. Und Kinder. Auf dem Spielplatz direkt vor unserer Haustür kommen immer welche vorbei und so sind alle Wünsche erfüllt. Zum Wochenende wird nun der Campingplatz rammelvoll, Zeit für uns, weiterzuziehen. Der Plan folgt der nordirischen Fotoroute: Zuerst geht es zu den Dark Hedges, einer Buchenallee, die seit ihrem Auftauchen in Game of Thrones zu einem der meistfotografierten „Naturschauspiel“ (Nord-)Irlands geworden ist. Umgeben von Hunderten Touristen möchte man sagen: People, calm the fuck down. It's just a road with some trees. Yes, they're nice trees. But still, get over yourselves ...
Als nächstes fahren wir die extrem malerische Küste der Region Antrim ab. Die Strecke nennt sich Causeway Coast Scenic Route, weil es hier den Giant's Causeway gibt, ein Unesco Naturerbe, wo die Felsen aus Hexagonen bestehen, weil hier der Basalt auf komische Art und Weise abgekühlt ist.
Die Küste ist, wie die Brownsigns (braune Hinweisschilder gelten jetzt recht universell als touristische Infos im Straßenverkehr, oder?) versprechen, tatsächlich „of outstanding beauty“. Wir picknicken am Viewpoint in Portaneevey, von wo man noch bis Schottland gucken kann. Leider
steht hier ein Eiswagen mit durchgehend laufendem Motor. Das hat man dann von Naturschönheiten... Dann kommen wir zur Carrick-A-Rede-Ropebridge. Hier liegt direkt vor der Küste eine kleine Insel, die mit dem Festland durch eine Fußgängerhängebrücke verbunden ist. Ein ganz heißer Tipp, das heißt, es wimmelt nur so von Menschen, die Parkplätze sind wegen
Überfüllung geschlossen, und wir fahren ganz entspannt dran vorbei. Und zum Giant's Causeway. Hier kommen wir immerhin schon mal bis auf den Parkplatz. Der ist aber auch rammelvoll und wir werden wieder weggeschickt, es ist nur noch Platz für PKW oder Reisebusse. Man empfiehlt uns
P&R aus Bushmills. Mmh. Eine Naturschönheit mit Touristenhorden teilen? 8 Pfund Eintritt pro Nase, um das basaltfarbene Visitor Centre (=riesiger schwarzer Klotz) auch von innen zu sehen und auf Felsen rumzustiefeln? Dazu Parkgebühren, Busticket, und Stress oder Alleinebleiben für den
Wuffel? Wir fahren lieber weiter die Küste entlang, schauen uns Bushmills an (klein, hübsch, überfüllt), halten auf Viewpoints, machen Fotos von Felsen und Meer, spazieren mit den Rackern, wo immer es ein bisschen geht, machen noch ein Foto vom Dunluce Castle und freuen uns, dass wir nun schon so viele der GoT-Sets gesehen haben, ohne es je drauf anzulegen. Hier bekommen wir noch den Tipp, dass in einem der Dörfer ein Pub seinen Parkplatz für Camper zum Overnight Parken freigibt. Cool, die Nordiren. Und so kehren wir zurück nach Ballintoy und chillen aufm Pub-Parkplatz mit Blick aufs Meer.

Da man von hier aus zu Fuß zur Rope Bridge kommt, versuchen wir es am nächsten Tag – es ist Montag – nochmal. Es ist zwar nicht ganz so überfüllt, kostet aber pro Nase schon wieder fast acht Pfund. Dafür, dass ich über eine Brücke und auf einer Insel spazieren gehe? Nein danke. Da unser Budget ja neben Essen für alle inkl. Hobo und den gelegentlich notwendigen Zeltplätzen ja nix hergibt, sparen wir uns nun also auch das, und spazieren lieber den Küstenpfad entlang. Wir sind zu arme Reisende, um am westeuropäischen Tourismus teilzunehmen. Schnüff. Oder lieber: Yippieh. Man weiß es nicht.
Den Nachmittag gönnen wir uns einen herrlichen Strandtag am wunderschönen White Park Bay Beach. Suck it, Giant's Causeway. (Achso, die Legende geht davon aus, dass hier Riesen eine Straße
nach (von?) Skandinavien rüber gebaut haben, und die Hexagone quasi die Pflastersteine der Riesen waren, oder so ähnlich. Daher der Name.)

Das Wetter wird und wird nicht schlechter, also vollenden wir den Beachurlaub noch ein bisschen. Die Racker findens klasse. Da unsere Vorräte zur Neige gehen, brechen wir nachmittags dann aber
in die nächstgrößere Stadt auf und gehen einkaufen (Coletrain). Und da kommt nun doch die nächste Wolkenwand und so sagen wir Nordirland lebewohl und fahren schwups über die Grenze. Man bemerkt sie kaum, nur dass es plötzlich nicht mehr 50 mph sondern 80 kph heißt und man uns komisch anguckt, wenn wir Pfund zücken (machen wir natürlich nicht).
Kleiner Exkurs: Wir haben uns mit einigen Nordiren unterhalten über Identität und Nation und so. Es ist sehr interessant, wie sie sich selber sehen und jeder gibt unterschiedliche Antworten und
zugleich ist es immer das gleiche. Sie sind froh, dass sie sich gegenseitig nicht mehr die Köpfe einschlagen. Wenn sie sich selbst verorten sollen, sagen die einen „I'm Irish“ (also selbst nordirische
Protestanten), die anderen „...Northern Irish“, keiner „British“. Alle, mit denen wir sprachen, fühlen sich auf jeden Fall zu UK zugehörig, finden aber den Brexit Scheiße – es waren aber größtenteils Farmer und damit die größten Verlierer des Brexit (diese Erfahrung haben wir auch schon in
Schottland gemacht) – und wollen weiter zur EU gehören. Innerhalb der Insel ist für sie die Zugehörigkeit zu Katholen oder Protestanten das wichtigste Identifikationsmerkmal. Wir haben –
und das hat sich auch noch nicht geändert – noch niemanden getroffen, der sich jenseits von Religion oder gar als Atheist verortet. Bei der nächsten Gelegenheit versuche ich mal eine
provokante Frage zu Säkularismus, Atheismus und Moderne. Dazu später mehr.

Nun sind wir also in Irland und wollen uns einen Schlafplatz suchen. Auf unserer nicht ganz so detaillierten Karte gibt es als erste ausgeschriebene Sehenswürdigkeit Crianan nan Aileach, und obwohl wir nicht wissen, was es ist, steuern wir das an. Es geht steil den Berg rauf, oh, Hobo quält sich sehr. Und keine vorherigen Steigungsanzeigen, dabei wissen wir schon, dass 20% für uns fast
nicht machbar sind. Naja, er schafft es, heulend, sprotzend, stinkend, und so kommen wir zu einem alten keltischen Rundfort mit herrlichster Aussicht. Man kann bis auf die Mauern raufsteigen. Das
war ein schöner Einstieg ins keltische Irland, nur leider ist hier schon wieder so ein No overnight Parking Schild und der Parkplatz sowie das Roundfort werden abends abgeschlossen, da probieren
wir das garnicht erst. Zuvor hatten wir ein Info Centre Schild gesehen, also versuchen wir es dort. Es stellt sich heraus, das Info Center ist Bestandteil eines großen Hotelkomplexes. Wir dürften gerne auf dem Parkplatz übernachten, sollen aber dann morgen bei ihnen frühstücken. Das können wir uns leider nicht leisten, also suchen wir uns eine Nebenstraße und bleiben einfach da. Vorher lassen wir uns aber von dem Info Center verzaubern. Es ist eine zu einem Restaurant und Museum zugleich umgebaute Kirche mit Fokus auf das keltische Pantheon und seine Sagen. Leider sind das zuviele Infos auf einmal und sie verkaufen auch keine Bücher zum Nachlesen, daher haben wir das
meiste schon wieder vergessen. Auf jeden Fall einen Besuch wert. Übrigens haben wir bisher kein einziges weiteres Heritage Center oder touristische Anlaufstelle zu irgendetwas keltischem
gefunden. Tausend Heilige, Holy Wells, Hochkreuze, Kirchen, Abteien, Kloster, Pilgerpfade und sonstwelchen früh-, mittel- und spätchristlichen Kram, aber nichts zu vorchristlichen Lebensweisen.
Außer Dolmen und andere neolithische Grabstätten, und auch die ohne größere Infos. Und Standing Stones, die größtenteils von den Christen bekunsthandwerkt wurden und jetzt Heiligengeschichten darstellen. Irgendwie tragisch. Und offenbar typisch für Irland.

Den nächsten Tag fahren wir dann erstmal gen Westen, zur nächsten Sehenswürdigkeit auf unserer
Grobkarte. Wir fahren durch das geschäftige Letterkenny und die umliegende langweilige Landschaft (flach, grün, Land- und später Forstwirtschaft). Nach dem Reisen durch UK beeindruckt
uns vor allem, wie groß hier die Grundstücke sind. Die Dörfer erstrecken sich über Meilen – nur im
Stadtzentrum ist 50, durch die Vororte brausen hier die Bundesstraßen mit 100kmh durch. Die Häuser sind oft riesig, und alles ist neu oder in den letzten 15 Jahren neugemacht.
Naja, also wie gesagt, Forstwirtschaft... Am Ende der Wälder finden wir ein hübsches Eckchen für unsere Mittagspause. Hier wachsen am Rand der Fichten plötzlich richtig alte Bäume, auch Buchen und Kiefern, alles mit riesigen Wurzeln. Ein Stück Waldweg verführt uns zum Halten, aber die Iren gehen wohl nicht gern im Wald spazieren, denn der Weg ist nicht nur der einzige in dem ganzen Waldgebiet, er endet auch nach 50 Metern. Dort steht die Ruine eines Waldhauses. Der Waldgeist,
der dort einst wohnte, ist wohl von seinem eigenen Zauber besiegt worden. Er wollte es nämlich unbedingt Mutter Natur gleichtun, und es in seinem Haus ergrünen lassen, aber mit seinem grünen
Daumen war es nicht sehr weit her. Also besorgte er sich ein großes Zauberbuch und vollführte ein magisches Ritual, das dauerte drei Vollmonde lang. Leider hat er aber den Text nicht richtig gelesen
und ist am Schluss nicht dreimal rückwärts um einen von einer Jungfrau benutzten Nachttopf geschritten und so wuchsen seine Zimmerpflanzen zwar nun plötzlich aufs herrlichste, hörten aber
nie mehr auf, und wuchsen und wuchsen und stießen durch das Dach und zerstörten den Kamin und
den Türstock und rissen schließlich auch die Wände ein. Dem Waldgeist blieb nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen, sonst hätten sie auch ihn noch zerstört. Seine Sammlung Kinderseelen
musste er leider zurücklassen. Sie sind noch immer in dem kleinen schwarzen Tümpel hinter dem Haus zu finden. Unser Wuffel hat sich dort so gegruselt, er konnte sich garnicht wieder einkriegen.
Vor dem Haus aber war eine kleine sonnige Stelle mit Waldboden und Moos, wo wir herrlich gepicknickt haben. Und danach ein bisschen Mittagsschlaf.
Erholt fahren wir weiter. Die Landschaft wird wieder eindrucksvoller (Hügel, Heide, Felsen, Bäche) und Glenfries ist das dazu passende malerische Städtchen. Von hier es geht es in den Glen von Glencolmkille, unser heutiges Tagesziel. Plötzlich sind wir von einigen Tausendern umgeben
und die Straße steigt mal wieder unangekündigt 20% an. Jetzt bloß kein Gegenverkehr, wenn ich hier anhalten muss, komm ich nicht mehr weiter. Glück gehabt. Trotz inzwischen Sturm und Regen  werden wir oben mit der herrlichen Aussicht auf das Dörfchen und die Bucht belohnt, die von Hügeln und Felsen und Heide umkränzt liegt. Hier gibt es nun ein Heritage Center direkt an der Bucht, und auf dem Parkplatz hier können wir bleiben. Wir sind – zum letzten Mal seither – nicht die einzigen Camper, die hier halten. Nach einem kleinen Spaziergang an der Bucht – Regen macht unseren Rackern ja nichts aus – ziehen wir uns in Hobos gemütlichen Bauch zurück.
Technisches Detail: Unserer lecken Klimaanlage begegnen wir seit einiger Zeit dadurch, dass wir eine Zeltplane auf das Dach spannen. Das war bei Wind schon immer etwas suboptimal; dank des heutigen Sturmes beschert uns diese Technologie eine sehr laute Nacht...

Nach einem ausgiebigen Strandspaziergang erkunden wir nun das Glencolmkille Heritage Center, dass uns einen Einblick ins Leben hier im Glen seit der Steinzeit beschert. Es gibt zahlreiche neolithische Gräber und Kultstätten in der Umgebung und auch viele Standing Stones. Mit der
Christianisierung im 4./5. Jahrhundert wurden viele der vorhandenen Kultstätten dann kurzerhand umgedeutet, aus keltischen Identifikationsfiguren wurden Heilige gemacht etc. Der Ortsname geht
übrigens auf den missionierenden Mönch Colmchille zurück, der den Großteil des Nordwestens bekehrt hat und hier auch das erste einer Reihe von Klostern gegründet hatte. Das Museum wurde übrigens in Ehren eines Pastors eröffnet, der hier von 1940 an gewirkt und wohl viel für das Leben
der Gemeinde getan hat, so dass es nicht zu so einer massiven Abwanderung kam wie in anderen Dörfern entlang der Küste. Und so gibt es neben nachgebauten (wunderhübschen, reeddachgedeckten) Cottages aus dem 19. Jahrhundert auch das Cottage des Pastors zu besichtigen.
Eine Reise durch die Jahrhunderte. Danach noch Scones und Tee im Tearoom, da ist doch der Tag perfekt. An der Stelle war aber eigentlich erst Mittag, also haben wir ausgiebig Siesta gehalten und sind dann noch in die Irische Sprachschule gegangen und haben dort ein wenig Gälisch gehört und
für mich eine Einführung gekauft. Es gelingt mir aber leider nicht wirklich, reinzukommen, man hört es zu wenig und zum ernsthaften Lernen mit Buch komme ich mit den Rackern an meiner Seite natürlich nicht. Aber es musste einfach sein, um die Sammlung von Walisisch und Maori zu ergänzen. Wir sind dann noch ein wenig durchs Dorf gebummelt auf der Suche nach einem der neolithischen Gräber oder Standing Stones (die hier einen ganzen Pilgerpfad ergeben), haben aber nichts gefunden (zum Training von Jörgs Kartenlese-Skills mische ich mich bei solchen Aktivititäten nicht mehr ein, daher war es ein schöner Spaziergang aber ohne Funde).

Diese haben wir uns für den nächsten Tag aufgehoben, als wir einen Rundfahrt zu verschiedenen Steinzeitstätten gemacht haben. Leider ist die alte Geschichte hier nicht so gut ergründet, wie die gesamte Kirchengeschichte, und so gab es keine Tafeln oder Infos oder ähnliches. Naja, wir wissen ja schon viel, und wir sind ja eh die einzigen, die hier sind...
Da es regnet, machen wir einen Fahrtag entlang der Wild Atlantic Scenic Route. Zuerst kommen wir nach Donagal, einem hübschen Städtchen, wo der Lord der Region saß. An einem Strandparkplatz (also eigentlich davor, denn hier kommen wir an eine erste von zahlreichen Höhenbarrieren, mit denen die Iren ihre Parkplätze vor Motorhomes und Campern schützen. „No
Camping“- „No overnight Parking“ und „Clamping“-Warnungen allein reichen ihnen halt nicht aus.) halten wir zur Mittagspause und einem kleinen Spaziergang im Regen, dann geht’s weiter gen Sligo. Unterwegs suchen wir Nachtstätten, aber die Strände, die wir finden, sind wieder voller
Verbotsschilder und es ist zum Teil eher unklar, wo man denn hier nun das Auto abstellen darf, daher fahren wir stattdessen auf einen (tatsächlich!) verbotsschildfreien Parkplatz im Dörfchen Grange direkt neben einem herrlichen Spielplatz, wo wir den Rest des Tages den Kleinen beglücken. Und weil ich grade am Ranten über die hiesige Verbotsschildkultur bin: Auf diesem Spielplatz ist Rennen verboten. Auf dem nächsten Ballspielen. Und auf dem nächsten Radfahren. Nebst natürlich den universell verbotenen Littering, Loitering und Kaugummikauen. Und Stöckelschuhe...Dafür wachsen rund um den Spielplatz wunderschöne Vogelbeeren. Grange ist eher Strange. Ach ja, was es in ganz Grange nicht gibt, sind Mülleimer. Ich spreche mehrere Leute darauf an. Die erste Erklärung ist, damit die Leute nicht littern, gibt es keine Litterboxes. Dann gewöhnt sich jeder gleich an, seinen Müll mit nach Hause zu nehmen. Den Spielplatzreiniger frage ich, ob das Konzept denn aufgeht, und was denn zum Beispiel mit Hundetüten passiert. Er sagt, nein, er muss schon immer viel wegräumen und grad auch Hundetüten. Aber wenn man hier Mülleimer aufstellte, würden die Leute ihren Haushaltsmüll in der Stadt wegwerfen statt in ihre Hausmülltonne, weil das ja billiger ist. Grange ist eher Strange. Eine sonderbare Vorstellung von Public Service, Gemeinschaft und Öffentlichkeit ist das. Und auch wieder diese katholische Vorstellung, dass von jedem nur das Schlechteste zu erwarten ist. Sie wird uns noch häufiger begegnen.

Am nächsten Tag dürfen wir noch weitere Sonderbarkeiten irischen Alltagslebens beobachten. Dass das Schulsystem hier ja noch fest in der Hand der Kirche ist, hatte ich schon erwähnt oder? Auch dass trotz 21. Jahrhunderts und zahlreicher Sozialforschung zu den Wonnen der
Geschlechtertrennung hier noch viele Schulen reine Boys oder Girls Schools sind? Ich hatte ja in meinen letzten Schuljahren an einem Schüleraustausch mit einer Schule in Cork teilgenommen, wo ich bereits viele, ich nenn es jetzt mal „Kulturschock“,-Beobachtungen machen konnte. Auf dieser
Reise jetzt kommen da einige Erinnerungen zurück und vieles, was wir hier beobachten, fühlt sich für uns als aufgeklärte, säkulare und eher freigeistige Familie aus dem 21. Jahrhundert sehr rückständig an. Und dabei ist es zugleich eine ganz neue, moderne Art der Beengtheit. Oh, ich rede
zuviel. Zurück zur Beobachtung. Unser Spielplatz-Parkplatz liegt gegenüber einer Kirche und einer Schule, und während wir hier frühstücken, beginnt die Schule. Der Parkplatz ist plötzlich rammelvoll. Jeder bringt hier seine Kinder mit dem eigenen Auto zur Schule, es gab nicht eine Fahrgemeinschaft oder ein Auto mit mehr als einem Kind. Aber dann steigen auch nicht etwa die
Kinder aus und gehen zur Schule. Nein, sie werden bis hinein gebracht und persönlich übergeben. Die Schule ist exakt 10 m entfernt. Und es gibt eine Ampel direkt davor. Und wir reden auch nicht von Erstklässlern. Nach dem wir das gesehen haben, wird uns klar, warum wir so häufig schräg angeguckt werden, wenn unseres Kleinen Radius u.U. auch mal 30 m beträgt oder er alleine durch Supermarktgänge laufen darf, ohne dass wir ihn an einer Leine führen (hier bei bis zu 3jährigen üblich) oder kontinuierlich die Hände dran haben. Aber die Welt ist ja auch ein gefährlicher Ort, wenn jeder Fremde immer erstmal Stranger Danger ist, jeder ein potenzieller Verbrecher, alles um einen herum eine Gefahr für Leib und Leben darstellt, außer ich kann es mit CCTV aufnehmen (An JEDEM Haus. Wirklich.) oder mir irgendwie anders das Gefühl kompletter Kontrolle einillusionieren. Also jedenfalls hat uns das alles irgendwie ein grausliches Gefühl gemacht und wir haben uns schnell aus dem strangen Grange verpisst, weiter gen Sligo.
In dieser Region hat ja der gute William Butler Yeats einige Zeit gelebt und so findet man in Drumcliffe sein Grab. Wir besichtigen es, es ist einfach, kahl, frei von Blumen oder Devotionalien, unspektakulär. Im Tea Room am Friedhof gönnen wir uns ein Stück Carrot Cake, damit wir die Toiletten benutzen können. Habe ich schon erwähnt, dass es in Irland keine Public Toilets gibt, was unsere Art zu reisen reichlich erschwert? Ach ja, und noch immer kein Mülleimer in Sicht. Wir haben derzeit Kackewindeln aus drei Tagen an Bord. Und unser Klo ist voll. Und das einzige Klo auf 50 km ist nur für Kunden. Also Carrot Cake und Yeats-Gedichte. Dessen Bio müssen wir uns auch noch mal anschauen (Drogenexperimente, Golden Dawn, Magie-Ausbildung...). Die restliche Strecke nach Sligo ist anstrengend. Die Straßen sind klein und schlecht, das ganze bei viel Verkehr und jeder zieht hier Fresse. Es ist fast wie an schlechten Tagen in Deutschland. Auch Sligo ist keine freundliche Stadt, selbst in der Touristeninfo schaut man uns noch genervt an, wenn wir nach Dingen fragen. Und ich ziehe mit Pluderhose und Ringelsocken die Blicke auf mich, als hätte hier keiner jemals irgendeinen alternativen Kleidungsstil gesehen. Es gibt auch keine Straßenkünstler
o.ä. Also machen wir hier unsere Besorgungen – Wäsche waschen, Einkaufen und irgendwie unser Klo ausleeren (danke Texaco-Tankstelle mit einer von außen begehbaren Toilette) – und verschwinden so schnell wie möglich. Entweder ist das hier die Stinkeecke von Irland, oder es ist
nicht weit her mit irischer Gastfreundschaft, oder aber sie hassen einfach Camper. Da wir von Nordengland und besonders Schottland so verwöhnt waren in Sachen Public Services, Gastfreundschaft und Freundlichkeit, egal wo man hinkam, stinkt Irland jedenfalls gerade ganz schön ab. Wir beschließen, abzukürzen und uns erst mal nach Dublin durchzuschlagen, vielleicht hilft ein bisschen Großstadtkultur, um den Provinzgeschmack loszuwerden.
Dublin liegt für unsere Reiseroute (Westküste – Südküste) etwas ungünstig, aber als Joyce-Fans (wir haben beide mindestens 20% Ulysses und Finnegans Wake gelesen!) können wir das nicht auslassen. Und so kreuzen wir einmal quer rüber. Unterwegs wollen wir noch mal übernachten, aber
es gibt auf der gesamten Strecke nur einen Parkplatz entlang der Straße und der ist – surprise und siehe oben – höhenbeschränkt (was machen hier eigentlich die Trucker?!) und kaum Brown Signs zu Sehenswürdigkeiten. Es gibt auch keine Wanderwege oder Naturparks und an den Seen gibt es
auch nur selten Spazierwege. Wir versuchen zwei, drei Ecken ohne Erfolg und finden dann einen Viewpoint überm Lough Arrow wo wir die Nacht verbringen, mit Blick auf Wald und in der Ferne die Ruine des Castle Balinafard und am Himmel die Sterne. Morgen kommen wir in Dublin an, aber
das wird ein gesonderter Eintrag.

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